
Stuttgart - Die wachen Augen sind das erste, was an Wolfgang Niedecken auffällt. Das Zweite ist sein offenes Auftreten: Niedecken redet auch am Redaktionstisch einer Tageszeitung nicht um die Dinge herum, er nennt sie beim Namen, teilt Beobachtungen und Erfahrungen - genau wie in seinen Liedern, die so vielen aus der Seele sprechen.
Dabei singt er in Mundart, im Pop sonst eher ein Hemmnis. "Wir haben Songs von Dylan und den Stones gespielt. Als ich mit der ersten Nummer auf Kölsch kam, haben die anderen gesagt: Is jot, mach mi vun. Das war nicht geplant, sondern kam ganz selbstverständlich, und das hat sich nach außen vermittelt." Mit anhaltendem Erfolg: Das aktuelle Album "Radio Pandora" war das zehnte von Bap, das an die Spitze der Charts stieg.
Woran denken Sie, wenn Sie den Bap-Klassiker "Verdammt lang her" hören?
Innerhalb der Band war man sich nicht immer einig. "Es gab Diskussionen, ob wir hochdeutsch singen sollen oder englisch", sagt Niedecken und wird ernst - der langjährige Bap-Gitarrist Klaus "Major" Heuser "wollte internationalen Pop machen. Ich bin aber kein internationaler Sänger. Ich kann Dylan-Songs so aufführen, dass es okay ist, aber ich möchte nicht meine Muttersprache unterdrücken und meine Emotionen in eine andere Sprache fassen." 1999 kam es zum Bruch, Niedecken übernahm die Zügel - als Alleinherrscher? "Am Ende muss einer entscheiden", sagt er. "Kunst funktioniert nicht demokratisch, da kommt es schnell zur Demokratur. Auch in Bands gibt es Strippenzieher, die ihr eigenes Süppchen kochen. Das habe ich viel zu lange ertragen, und es hat mich viel Geld gekostet und viele schlaflose Nächte."
Die Krise der Branche sieht er eher gelassen, trotz der Zahlen: "Von einem Nummer-eins-Album hätten wir früher über 500 000 verkauft. Heute sind wir froh, wenn es 100000 sind." Bap sei immer eine Live-Band gewesen, die Alben immer dazu da, das Publikum auf die Konzerte vorzubereiten. Im öffentlich-rechtlichen Radio findet er noch Gehör, nur nicht immer wie gewünscht: "Wenn einer übers neue Album redet und dann ,Verdamp lang her' spielt, könnte ich heulen." Dabei mag er die Bap-Hymne noch, die er zum Tod seines Vaters schrieb, die "jeder Hörer mit einer eigenen Bedeutung füllt" - und die beinahe nie erschienen wäre: "Der Major sagte: Das willst du spielen? Womöglich so? Und dann spielte er dieses Police-Riff in Moll. Das war ironisch gemeint, aber wir wussten: Das muss aufs Album."
Niedecken pocht auf die feine Unterscheidung zwischen Rock und Pop, zwischen Haltung ("Beim Karneval zu spielen haben wir immer abgelehnt.") und reiner Unterhaltung, die heutigen Bands fremd geworden ist. "Tokio Hotel hat in gewissem Sinn etwas mit Rock'n'Roll zu tun, auch wenn außer dem Sänger vermutlich noch keiner im Studio etwas eingespielt hat. Mich stört aber generell, wenn auf der Bühne Gott weiß was vom Band kommt. Es gibt sogar Interpreten, die eine Halle mit 18 000 Leuten mit Playback beschallen. Bei den Flippers ist das okay, die Omis wollen das vermutlich nicht begreifen, aber ich rede hier über ein junges Publikum."
In puncto Verflachung sieht er Parallelen zum Fernsehen, er teilt die scharfe Kritik Marcel Reich-Ranickis bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln: "Ich war froh über seine Wutrede, das war mal Zeit und hatte Trapattoni-Format: Fernsehen wie Flasche leer. Dieser alte eitle Kerl, der ja schon manchem auf den Schlips getreten ist, hat das Thema auf Wiedervorlage gebracht." Niedecken glaubt nicht, dass Reich-Ranicki den Wutausbruch geplant habe: "Er hat dort einfach Ausschnitte aus Sendungen gesehen, die er gar nicht kannte, und war entsetzt. Am Montag saß dann Barbara Schöneberger bei Beckmann, zwei berüchtigte Tiefschläger, und beide waren plötzlich pikiert. Da dachte ich: Hoppla, da hat aber einer einen Nerv getroffen!"
Niedecken räumt ein, dass er sich womöglich um Kopf und Kragen redet - "ich sollte eigentlich diplomatischer sein. Das bin ich aber nicht, schon aus Respekt vor Marcel Reich-Ranicki." Dass das ZDF an diesem Freitagabend in einer Sondersendung mit Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk über Programmqualität diskutieren lassen wolle, sei in Ordnung, aber zu wenig: "Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten mindestens einen Themenabend dazu machen", findet er und erinnert an den Bildungsauftrag von ARD und ZDF. "Ich bin ein Feind von Reglementierungen, aber mittlerweile ist klar: Es ist ein Märchen, die selbstreinigenden Kräfte des Marktes schaffen es nicht, das endet irgendwann in der Barbarei."
Auch als Botschafter der Aktion "Gemeinsam für Afrika" hat er das gepürt. "Was erfährt man im Fernsehen schon über Afrika? Während des G-8-Gipfels hätte ich stündlich 20 Interviews zur Situation dort geben können, so viele Anfragen hatte ich, und am Tag danach wollte niemand mehr was zu dem Thema wissen." Es sei eine kältere, härtere Welt, findet er, der zwei Söhne Mitte 20 und zwei Töchter im Teenager-Alter hat. "Ich war ein schlechter Schüler und Traumtänzer, ich wollte an die Kunsthochschule. Das können die sich heute kaum noch leisten."
Niedecken hat Malerei studiert, "ich lebe also seit Jahrzehnten von meinem Hobby". Vor 1999 hat er viel Zeit im Atelier verbracht. "Das ist ein toller Ausgleich" erklärt er, "da arbeitet man selbstbestimmt und muss keinen fragen, ob das kommerziell genug ist." Das steht er wieder im Raum, der abwesende Major. "Am Ende ist es wie beim Fußball: Mund abwischen und weitermachen", sagt Niedecken, der seit 1999 weniger malt und regelmäßig dem 1. FC Köln zuschaut. Er schätzt das Irrationale am Fußball, hofft auf eine Rückkehr Lukas Podolskis: "Ich habe geahnt, dass die Kölner ihm applaudieren würden, wenn er für Bayern München ein Tor gegen den FC schießt. Er selbst hat sich nicht gefreut, was die Bayern geärgert hat. Aber so fühlt der Junge halt."
Wie Niedecken fühlt, ist auf "Radio Pandora" nachzuhören. "Frankie und er" liegt ihm besonders am Herzen, die Geschichte eines alternden Mannes, der sich an einen Freund erinnert, an eine Dreiecksgeschichte: "Das ist ein Stück, in dem ich mich in kleiner Verzerrung im Spiegel wiederfinde." Dabei nimmt er seine Hörer mit, lässt sie emotional teilhaben, spricht manchem aus der Seele. Natürlich auf Kölsch.
"Verdammt lang her" und andere Lieder von Bap finden sich in Textform auf der Homepage der Gruppe