Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.10.2008
Hellboy - Die goldene Armee
Ein Dämon rettet die Menschheit
Guillermo del Toro ist ein Meister der Illusion: Er erweckt Träume, zumeist Albträume, so realistisch zum Leinwand-Leben, dass die Zuschauer sich irgendwann mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert wähnen. Ein solcher ist Hellboy, den die Nazis in die Menschenwelt holten, und der seine übermenschlichen Kräfte nun in die Dienste einer US-Sondereinheit stellt, die die Welt vor den Ausgeburten der Hölle schützen soll.
Im zweiten Kinoabenteuer bekommt er es mit einer Art Elfen-Volk zu tun, dessen Thronerbe nicht länger ein Dasein im Untergrund fristen möchte - er plant, eine mörderisch-magische Roboter-Armee zu reaktivieren und die Menschheit auszurotten. Da braucht Hellboy (Ron Pearlman) mehr als seine besondere Konstitution und seiner Steinhand: die explosiven Talente seine leicht entflammbaren Liebsten Liz (Selma Blair) etwa oder die sensorischen Fähigkeiten des Fischmannes Abe (Doug Jones). Außerdem wird ihm ein nebulöser Besserwisser im Blechdress namens Johann Krauss vorgesetzt, der die Operation leiten soll - Reibereien sind da vorprogrammiert.
Ihre Gegner sind nicht minder illuster: Putzig anmutende Zahnfeen treiben da ihr Unwesen, die in Scharen über Menschen herfallen und ein grausiges Blutbad anrichten, ein Waldgott bildet haushoch Wurzel- und Ast-Tentakel aus, erstrahlt in böse schillernder Pracht und haucht als märchenhafte Blütenwolke sein Leben aus. Guillermo del Toro hat eine unverkennbare Handschrift. Der prächtige Todesengel in diesem Film ist eindeutig verwandt mit Figuren aus "Pans Labyrinth" (drei Oscars 2007), jedes noch so kleine Detail in Kulisse und Ausstattung scheint liebevoll ausgesucht und arrangiert und könnte in jeden anderen Film del Toros passen.
Anders als andere Regisseure versucht der Mexikaner nicht, existierende Comic-Geschichten auf die Leinwand zu bringen; er bedient sich nur des Personals und schreibt die Drehbücher selbst. Das spürt man: Bei del Toro gibt es keine Adaptionsbedingten Ungereimtheiten oder Banalitäten, bei ihm kommt alles auf den Punkt, Dramaturgie, Timing und die mit Witz angereicherten Dialoge. Dabei wirkt vieles wie aus dem Leben gegriffen, was im Fantasy-Genre keineswegs selbstverständlich ist.
Eine Parabel auf Supperwaffen in falschen Händen
Hellboy hat Ärger mit Liz, weil er der schlimmste denkbare Schlamper ist und dazu noch unaufmerksam, also überredet er den empfindsamen Abe, unglücklich verliebt in eine Prinzessin, zu einem Männergespräch bei einem Sixpack Bier.
So wird das Fantasy-Szenario nie zum Selbstzweck, immer stehen die Charaktere im Vordergrund und Themen, die del Toro mitten aus der Realität schöpft. Wer wie die Helden in "Hellboy" anders ist, der wird trotz ruhmreicher Taten bei der kleinsten Panne schnell als Freak gebrandmarkt. Und das Aufbegehren unterdrückter Völker gegen eine als ungerecht empfundene Herrschaft gehört ebenso zu den großen Menschheitsdramen wie die Risiken unschlagbarer Superwaffen, wenn sie in die falschen Hände geraten.
Bernd Haasis
16.10.2008 - aktualisiert: 16.10.2008 10:28 Uhr