Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.10.2008
Neulich in Belgien
Der Charme des Truckerfahrers
Johnny weiß, wie man Frauen verführt: Man macht ihnen altmodisch klingende Komplimente, überrascht sie mit roten Stöckelschuhen aus Italien und verwöhnt sie mit gutem Sex. Auch wenn der im Lkw abläuft, weil ein Trucker kein wirkliches Zuhause hat.
Kennengelernt hat sich das ungleiche Paar - Matty ist 41 und hat drei Kinder, Johnny ist 29 und Single - bei einem Parkplatzunfall. Nach einer amourösen Affäre sah das damals zunächst überhaupt nicht aus, aber einer wie Johnny (Jurgen Dalnaet als sympatischer blonder Jüngling) hat eben Durchhaltevermögen. Die ziemlich verhärmte Frau (Barbara Sarafian spielt sie perfekt in lumpiger Strickjacke und streng gefälteltem Gesicht) aber möchte eigentlich keinen Lover - sondern ihren Ehemann zurück. Der allerdings ist mitten in der Midlife-Crisis. Und es ist ein wirkliches Vergnügen, den angejahrten Mann (Johan Heldenbergh als wunderbarer Anti-Held) auf der Leinwand wie einen hilflosen Hampelmann zu erleben, der von seiner jungen Geliebten alleine durch häufige SMS unter dem Pantoffel gehalten wird.
Das beim Festival in Cannes bejubelte Regiedebüt des Belgiers Christophe van Rompaey spielt dicht am Leben. Dass sich erfahrene Frauen von jüngeren Männern trösten lassen, ist schon lange kein Skandal mehr. Und dass Ehemänner angesichts der Konkurrenz reumütig zurückkehren möchten, auch kein Geheimnis.
Doch warum platziert der Regisseur die Geschichte in Gents Arbeiterviertel Moskau? Der damit verbundenen Logik folgend, ist auch die Familienwohnung "proletarisch" durchdesignt - Mattys Mann Werner aber ist Dozent an der Kunsthochschule.
Davon abgesehen stimmen die Bilder. Eines Tages sitzen alle gemeinsam am Tisch und schaufeln Blutwurst vom Teller, Matty in der Küchenschürze, die drei Kinder, ihr Prinz in Jeans und der eifersüchtige Ehemann. Die Situation eskaliert - Matty wird sich entscheiden.
Brigitte Jähnigen
16.10.2008 - aktualisiert: 16.10.2008 10:57 Uhr