Stuttgart - Die Bedeutung der Bildungspolitik wird von den meisten Landesregierungen unterschätzt, kritisiert der frühere Leiter des Elite-Internats Schloss Salem im Interview mit unserer Zeitung.
Herr Bueb, Bildungspolitik ist Ländersache. Ist es richtig, dass Bundeskanzlerin Merkel zu einem Bildungsgipfel einlädt?.
Vom Gesetz her ist es falsch, von der Sache her ist es richtig. Bildung müsste eigentlich zentral gedacht und verwaltet werden. Der Föderalismus ist der Bildung und Erziehung nicht dienlich. Die Zersplitterung in 16 verschiedene Instanzen führt nicht zu mehr Wettbewerb, sondern zu Erstarrung, weil Bildungspolitik vor allem Parteipolitik ist. Die Politiker sind selten bereit, eigene Ideen gegen die Parteipolitik zu vertreten.
Was kann der Bildungsgipfel bringen?Vermutlich will Merkel zeigen, welche Bedeutung die Bildung hat. Die Landesregierungen unterschätzen diese noch immer, das zeigt der Wahlausgang in Bayern und Hessen. Der Bund macht aber auch deutlich: Wir da oben sind nicht ohnmächtig, denn wir haben Geld. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen nüchtern handeln und Geld nur fließt, wenn bestimmte Standards erfüllt sind. Dazu gehört auch eine bessere Abstimmung zwischen den Ländern jenseits parteipolitischer Interessen.
Die Landesregierung hat vor einigen Monaten eine Qualitätsoffensive beschlossen. Wie bewerten Sie die Bildungspolitik im Land? Im Ganzen kann das Land auf eine gute bildungspolitische Bilanz zurückblicken. Pisa hat Baden-Württemberg zum Beispiel bescheinigt, dass das Schulsystem mehr Chancen der Durchlässigkeit bietet als andere Bundesländer. Trotzdem werfe ich den Verantwortlichen vor, dass sie keine pädagogische Konzeption verfolgen, sondern parteipolitisch arbeiten. Das ist etwa bei dem unseligen Streit um die Dreigliedrigkeit des Schulsystems zu sehen. Dass Kultusminister Rau darauf beharrt und sich nicht auf eine Diskussion mit den kritischen Hauptschulleitern einlässt, ist nicht nachvollziehbar. Es ist sowieso ein Fehler, dass die Lehrer nicht beteiligt sind an konzeptionellen Fragen. Sie sind Empfänger von Botschaften.
Was war zuerst? Henne oder Ei? Ich sehe im Beamtentum eine der Ursachen, dass Lehrer eher die Vorgaben der Politik ausführen als mitbestimmen. Sie sollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, indem sie lernen, politisch zu denken und zu handeln. Dabei haben sie mächtige Verbündete, die Eltern. Den Bildungspolitikern werfe ich vor, dass sie obrigkeitsstaatlich denken. Damit Bildung lebendig ist, muss die Konzeption ihrer Vermittlung gemeinsam von unten und oben erarbeitet werden.
Ihr neues Buch handelt von Führung. Was macht einen guten Rektor aus? Führen heißt, nicht nur verwalten, sondern die Lehrer stärken durch Anerkennung, mit ihnen Ziele vereinbaren und kontrollieren, ob sie die Ziele erreicht haben, sie daraufhin loben oder kritisieren. Der Kritik sollte Hilfe folgen, damit sie ihr Verhalten ändern können.
Der Landesschülerbeirat bemängelt, Lehrer seien zwar fachlich gut ausgebildet, ließen sich aber zu wenig auf Schüler ein.Diese Klage haben die Reformpädagogen schon vor hundert Jahren in dem Satz ausgedrückt, dass Lehrer Fächer unterrichten und nicht Schüler. Auch Lehrer müssen führen, d.h. Kinder stärken, damit sie ihre Ziele erreichen. Dafür brauchen junge Lehrer Begleitung. Das müsste der Schulleiter tun. Bei vielen Lehrern liegt das letzte Gespräch mit ihrem Schulleiter jedoch jahrelang zurück. Schulleitung erschöpft sich eben häufig in Verwaltung.
Welche Rahmenbedingungen brauchen Schulen, damit sie Schüler besser fördern und integrieren können. Ich glaube, dass die Ganztagsschule der richtige Weg wäre, um Chancengerechtigkeit herzustellen. Das bedeutet nicht den ganzen Tag Unterricht, sondern vormittags Schule, gemeinsames Mittagessen, nachmittags Spiel und Hausaufgaben. Dieselben Erwachsenen, die morgens unterrichten, müssen auch nachmittags dabei sein. Nur dann entdecken sie, welche Begabungen auch in sogenannten Versagern stecken - künstlerische, sportliche, handwerkliche etc. Dann könnten sie diese Kinder besser fördern. Ich bin sicher, dass kein Kind verloren geht, an das ein Lehrer glaubt. Das hieße natürlich, dass die Arbeitsbedingungen von Lehrern erheblich verbessert werden müssten.
Beim achtjährigen Gymnasium klagen viele Eltern und Schüler über den Nachmittagsunterricht.Beim G 8 hat man die höhere Stundenzahl nicht genutzt, um dem Spiel eine Bresche zu schlagen. Hätte man zusätzliche Stunden in Deutsch für Theaterspiel, in Naturwissenschaft zum Experimentieren, im Sport für das Mannschaftsspiel verwendet, würden die Jugendlichen sich vergnügt diesem spielerischen Lernen hingeben anstatt noch mehr akademisch zu arbeiten. Die Jugendlichen sind nicht überfordert, sondern zu einseitig gefordert.
Wie beurteilen Sie die Fremdevaluation der Schulen? Im Prinzip ist sie sinnvoll, sie genügt aber nicht. Sie bewertet nur Ergebnisse der Arbeit von Lehrern, aber nicht, wie Lehrer unterrichten. Nur wenn die Lehrer sich der Kritik ihres Schulleiters stellen und der Schulleiter für Führung qualifiziert wird, werden sie sich ändern und damit werden sich die Ergebnisse ändern. Mir gefällt, was in der Schweiz seit acht Jahren praktiziert wird. Jeder Schüler bewertet jährlich in einem Fragebogen die Qualität des Unterrichts seiner Lehrer, unterschreibt ihn, der unterschriebene Bogen geht an den Schulleiter und der hat die Pflicht, auf der Grundlage dieser Bewertung jährlich ein Gespräch mit den Lehrern zu führen. Aus den Fragebogen würde er erfahren, wie viel Gutes im Unterricht geschieht, was Anlass zu Lob gibt. Wenn er erfährt, dass ein Lehrer in Not ist oder Fehler macht, kann er helfen, weil er davon erfährt. Auch der Schulleiter sollte jährlich durch die Lehrer bewertet werden und in einem Gespräch mit seinen Vorgesetzten die Segnungen guter Führung erfahren. An der Führungsqualität des Schulleiters hängt letztlich die Qualität einer Schule.