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Interview mit Harald Schmidt

"Ich bin größenwahnsinnig, aber nicht doof"

Foto: Pichowski

Stuttgart - Harald Schmidt zeigt an diesem Samstag (25. Oktober) um 19.30 Uhr im Staatsschauspiel Stuttgart Shakespeares Drama "Hamlet" als Musical "Der Prinz von Dänemark".

Herr Schmidt, was für einen Hamlet werden wir sehen? Zuletzt in Jan Bosses Inszenierung kam man auf die Idee, dass Hamlet seinen Vater gehasst haben könnte.

Interessant, aber nichts für ein Musical. Bei uns liebt jeder sich selbst. Der schönste Platz ist ja an der Rampe. Ich hatte schon überlegt, ob man nicht den Schauspielern mit einem Handtuch einen Platz an der Rampe reservieren lassen sollte. Das haben wir dann aber wieder weggelassen. Bei uns ist jeder mit sich selbst beschäftigt.

Jeder macht was er will, wie das ist, wenn Schauspieler Regie führen?

Nein. Christian Brey macht das absolut hervorragend. Dass bei uns alle mit sich beschäftigt sind, hat damit zu tun, das bei dem Tempo keine Zeit für psychologische Entwicklungen ist. Ich finde immer, worum es in dem Stück geht, kann sich jeder selber raussuchen. Ist Hamlet der Zauderer? Warum hat Claudius überhaupt den König umgebracht? Weiß Gertrud, dass Claudius der Mörder ist? Das ist etwas fürs Beiprogramm. Ich will die großen Zitate gut gespielt sehen.

Aber so kompliziert ist das Stück nicht. Das Fußvolk vor vierhundert Jahren hat es auch schon kapiert.

Wenn Claudius betet und Hamlet mit dem Schwert hinter ihm steht und sagt, jetzt könnt ich ihn töten, dann kapieren sie's. Wenn Hamlet in der Zeit beim Inspizienten sitzt und onaniert und über Video Nacktfotos von seiner Mutter zeigt, ist vielleicht nicht auf Anhieb zu verstehen, was gemeint ist. Wir haben uns zu hundert Pozent dazu entschieden wie im Schauspielführer 1950 zu spielen, mit Perücke, Strumpfhose, Sarg und allem. In den Werkstätten waren sie begeistert, was sie alles schrauben, nageln, sägen und kleben durften.

Das Publikum freut sich auch schon: Für die Vorstellungen gibt es nur noch Restkarten.

Bei aller Demut: das muss so sein. So ein Musical machen Sie ja nicht, damit hundert Leute da sitzen. Es gibt Produktionen, die einen ganz hohen Anspruch haben, die inhaltlich wichtig sind. Das ist wie bei einem Verlag. Sie verlegen Bücher, von denen Sie hoffen, dass Sie vielleicht einen Nobelpreis dafür kriegen. Und dann gibt es Bücher, die müssen den Nobelpreisträger finanzieren. Wir sind sozusagen das Kochbuch unter den Produktionen.
Harald Schmidt
Foto: Piechowski

Der Hype um dieses Kochbuch ist groß. Wie gehen Ihre Kollegen damit um, dass ständig vor allem Sie dazu befragt werden?

Es steht auf dem Plakat von und mit Harald Schmidt. Ich habe das Ensemble gefragt: ist das okay? Ich brauch' das nicht, aber man kann davon ausgehen, dass es einen Werbeeffekt für die Produktion hat. Sie sehen ja auch, dass ich mich nicht extra anstrenge und irgendwo anrufe und sage, kannst mal kommen: ich bring dann auch noch einen Pudel mit zum Cabriofahren.

Wie dampft man "Hamlet" auf neunzig Minuten ein?

Großflächig, man streicht ganze Seiten. Das Stück ist relativ dicht bis zu dem Punkt, wo Polonius ermordet wird. Dann kommt der langwierige vierte Akt, und da entscheidet man sich, ob man diese ganze Fortinbrasgeschichte weglässt. Und man überlegt, was rein muss: Die Mausefalle, dass Polonius ermordet wird, dass der König die Witwe geheiratet hat und Hamlets Greatest Hits.

Und der Fechtkampf?

Es ist ja so: entweder macht man die Szene haha mit kleinen Plastikschwertern. Das wäre aber zu nah an dem, was man von uns erwartet. Also haben wir gesagt: bei uns wird richtig Errol-Flynn-mäßig losgelegt mit dem bestem Trainer: mit Klaus Figge. Der macht alles, wo die Funken fliegen.

Shakespeare ist nicht kaputt zu interpretieren, weil man immer etwas findet, das auf uns heute zutrifft. Wie ist das bei Ihnen?

Unser Hamlet ist wahnsinnig aktuell: Ich stelle mir den Tagesablauf des Publikums vor: Es ist wieder eine Bank zusammengekracht, Ackermann kommt und will kein Geld, es herrscht Rezession, zwei bis drei Konzerne, von denen man's nicht gedacht hätte, machen dicht, plus: Hindukusch kocht hoch, plus: Steuer- und Krankensystem am Rande des Zusammenbruchs. So, und da kommen wir und bieten eine Fluchtmöglichkeit, ein absolutes Wellness-Center.

Lasst uns lustig sein, auch wenn die Welt untergeht. Wie in der Wirtschaftskrise 1929, zu der ständig Parallelen gezogen werden?

So ist es. Ich danke der Weltwirtschaft, dass sie auf unsere Premiere hinarbeitet, das kann ruhig ein paar Billionen kosten. So viel sollte uns die Kunst wert sein. Der Kapitalismus überholt sich ja links, rechts, oben und unten gleichzeitig. Gesellschaftskritik kann hier nur heißen: "Welche beiden Banken sind heute noch gleich von der Börse genommen worden? Gut, dann ziehen wir uns jetzt nicht nur eine Strumpfhose an, sondern auch noch ein Suspensorium." Das finde ich eine extrem politische Haltung, zu sagen: Ihr Lieben, auch das wird vorübergehen. Genau mit dieser Haltung geht das Stück über die Bühne.

Neben der Wirtschaftskrise wird zurzeit der Untergang des Qualitätsfernsehens diskutiert. Reich-Ranickis und Gottschalks Disput hatte über drei Millionen Zuschauer.

Wir haben in meinen gefühlten sechs Millionen Shows schon bewiesen, dass Reich-Ranicki recht hat. Vor allem der Frauenaffine Brecht am Vorabend ist kurz vor der Verwirklichung.

Ist das Problem nicht eher, dass sich die Kultur an den Boulevard ranschmeißt, wenn auf 3 Sat über Peter-Stein-Inszenierungen nach "Langweilig?"-Kriterien geurteilt wird?

Wenn Sie eine Kultursendung machen, muss die elitär sein. Dann darf's keine Anbiederung geben. Wer nicht weiß, wie Gerhart Hauptmann einzuordnen ist, der hat eben Pech gehabt. Außerdem: wer Kultur will, soll ins Theater gehen oder in den Konzertsaal.

Kultur schaut auch auf Quote. Harald Schmidt macht ein Hamlet-Musical - und alle kommen.

Das Stuttgarter Theater ist auf breiterer Ebene im Gespräch, das ist nicht das Schlechteste in der Theaterlandschaft heute, wo man überlegen muss, wann fahren Kririker wo hin, wo findet man noch statt als Theater.

Sie sind selbst zur Kultur zurückgekehrt und Ensemblemitglied in Stuttgart, obwohl Sie vor Jahren sagten, Sie hätten den Traum abgehakt, zu glauben, dass mit Ihnen das Theater einen großen Schauspieler verloren hat.
Schmidt
Foto: Piechowski

Das ist richtig. Aber hier hat man mir die Möglichkeit gegeben, von der ich gar nicht wusste, das es sie gibt: mich in gewisser Weise für das Theater zu erfinden. Es geht darum, Nischen zu erfinden. Es gab ja auch keine Late-Night-Show im deutschen Fernsehen, bevor ich das gemacht habe. Ich habe das Gefühl, dass uns mit dem Hamlet gelingt, ein Genre zu entwickeln. Große Musicals wie Queen sind ja kommerzielle Geldmaschinen. Aber es ist auch für ein Theater eine Idee: man nimmt einen klassischen Stoff und bearbeitet den.

Also bleiben Sie am Theater?

Der Vertrag läuft ein Jahr und ist schon verlängert in die nächste Spielzeit rein.

Bisher sieht man Sie im ironischen Fach. Wann traut sich das Ensemblemitglied Schmidt, in einer normalen Produktion zu spielen?

Ich werde in einer Produktion am Spielzeitende dabei sein, aber es ist noch nicht klar, was es sein wird. Ich werde aber sicher nicht sagen, habt Ihr mir mal einen Lear?

Warum nicht?

Warum sollte ich das, wenn ich auf Anhieb zehn Leute nennen kann, die das besser können. Ich bin größenwahnsinnig, aber nicht doof. Wer auf die Bühne geht, muss einen Anspruch einlösen. Ich habe einmal eine Kritik zu Copland gelesen, das stand: the Scorsese-gang does the heavy acting. Sylvester Stallone hat seinen Stallone gespielt und drumrum wurde heavy acting gemacht. Genau so ist es hier. Die andern machen heavy acting und ich bin irgendwie ich in dieser Figur. Das ist es, was ich immer gesucht habe: dass ich mit einer Supertruppe etwas mache, wo ich meine schönen Szenen habe und ringsum eine hohe Qualität sehe.
 

Nicole Golombek

22.10.2008 - aktualisiert: 22.10.2008 17:50 Uhr

 



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