Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 23.10.2008
Anonyma - Eine Frau in Berlin
Wie Blicke sich verändern
Die Russen werden sich wundern, was von ihnen übrig ist, wenn wir mit ihnen fertig sind", glauben Berliner Frauen vor dem Volksempfänger noch 1945. Dann kommt die Rote Armee, und nun sind sie es, die sich wundern: Sie sind zu rechtlosem Freiwild geworden. Eine entschließt sich nach mehreren Vergewaltigungen, sich einen russischen Offizier als Liebhaber zu angeln, um sich unter seinen Schutz zu begeben.
Ein schweres Thema, ein großes Tabu hat Regisseur Max Färberböck hier mit viel Fingerspitzengefühl auf die Leinwand gebracht. Er schont seine Zuschauer nicht, lässt die ungepflegten Rotarmisten über Frauen jeden Alters herfallen. Da kommt Empörung auf, die der Film in der Folge behutsam auflöst wie die Zornesfurche auf der Stirn der Protagonistin, wenn vorangegangene Gräueltaten der Wehrmacht in Russland ins Bewusstsein rücken. Färberböck nimmt der Frage von Schuld und Sühne alles Theoretische, er bleibt bei den Menschen, und die Gratwanderung gelingt auch deshalb, weil er sich an den pragmatischen, mitunter schnoddrigen Tonfall der titelgebenden Augenzeugin hält.
Anonyma nannte sie sich und veröffentlichte ihre Erlebnisse zunächst erfolgreich im Ausland. Als sie Ende der 50er in Deutschland erschienen, ignorierte man sie - die Nazizeit wurde verdrängt, niemand wollte in die Abgründe schauen. Erst im neuen Jahrtausend fand das Buch Beachtung, und Färberböcks Film trägt das letzte große unaufgearbeitete Kapitel des Zweiten Weltkriegs nun in die breite Öffentlichkeit.
In Nina Hoss hat er eine Darstellerin gefunden, der man alles glaubt: dass die in den Straßen kampierenden Russen sie begehren und zugleich von ihr geblendet sind, dass sie so kultiviert ist, eine auch intellektuelle Beziehung zu einem majestätischen Offizier (Jewgeni Sidikhin) aufzubauen, dass ihr unbändiger Lebenswille sie durch das dunkle Tal bringt. "Wir Frauen waren jetzt gestempelt", sagt sie nach der ersten Vergewaltigungswelle aus dem Off, und die eingesprochenen Zitate aus der Vorlage geben dem Film eine erschreckende Echtheit. "Es war nicht so, dass dieser Major mich vergewaltigt hätte. Ich war ihm zu Diensten, das war alles", rezitiert sie und reflektiert, was der Begriff "Dirne" früher für sie bedeutete und wie sich ihr Blick verändert hat. Sie und die anderen Frauen richten sich ein in den Sachzwängen, wofür männliche Kriegsheimkehrer keinerlei Verständnis haben.
Als die Stadt wieder erwacht, kehrt die Farbe zurück
In fahlen Farben zeigt Färberböck den Beginn der rechtsfreien Zeit in der zerstörten Stadt, schwarzweiß wie das Denken der Deutschen, die nun eingesperrt sind im liebevoll für die Leinwand rekonstruierten Straßenzug vor ihrem Häuserblock. Mit dem Wiedererwachen der Stadt kehrt auch die Farbe in die Bilder zurück. Am Ende steht ein Abschied, der nur dann ohne Verletzungen gelingen kann, wenn die Deutsche und der Russe einander als Menschen respektieren, trotz allem. Und Färberböck zeigt: Große Gesten sind ohne Pathos möglich im Film, auch im deutschen.
Bernd Haasis
23.10.2008 - aktualisiert: 23.10.2008 10:21 Uhr