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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 23.10.2008

Die Stadt der Blinden

Vom Rückfall in den Naturzustand

Ein Film voller Metaphern, und schon der Beginn ist eine: die Ampel als Sinnbild des zivilisatorischen Regelwerks. Sie verschwindet in gleißendem Weiß, ein Autofahrer ist plötzlich blind geworden.

Der Verkehr stockt. Nichts geht mehr. Der Blinde geht zu einem Augenarzt (Mark Ruffalo), ähnliche Fälle häufen sich. Auch den Arzt trifft es bald, einzig seine Frau (Julian Moore) scheint gegen die unbekannte Epidemie immun. Der Staat reagiert hilflos - die Infizierten werden in eine Quarantänestation gesperrt, ein Ghetto ohne Betreuung, aber bewacht von Wärtern, die aus Angst auch mal in die Menge schießen.

Aha, eine Reflexion über in Terror-Paranoia Amok laufende Regierungen, über Guantánamo oder Abu Ghraib? Fehlanzeige. Die Rolle des Staates ist schnell abgehakt, das eigentliche Thema ein tieferes: Wie schnell wird der Mensch dem Menschen wieder zum Wolf, fällt in den Naturzustand zurück, wenn die Normen der Zivilisation außer Kraft, nicht mehr "sichtbar" sind? Sich selbst überlassen, versinken die Internierten in Schmutz und Kot, der äußerlichen Verwahrlosung folgt die geistige auf dem Fuße: Einer der Insassen (Gael Garcia Bernal) schwingt sich zum Despoten auf, drangsaliert mit Helfern die übrigen Internierten. Nur die Frau des Augenarztes, die ihrem Mann gefolgt ist, kann ihm Paroli bieten.

Als diesjähriger Eröffnungsfilm des Festivals in Cannes fiel Fernando Meirelles' ("City of God") Verfilmung von José Saramagos Roman bei den Kritikern durch, wobei die Breite der Schelte überzogen erscheint. Fernab der Schockklischees vieler Endzeitfilme gelingt Meirelles eine vor allem optisch kraftvolle und beklemmende Vision, deren Bilder noch lange nachwirken. Dass die Figuren alle namenlos bleiben und - abgesehen von Julianne Moore als Arztgattin - auch eher blass, beeinträchtigt diese Wirkung keineswegs, entspricht sogar durchaus der Vorlage.

Dass sich der Film gegen Ende noch zu einer Meditation wandelt über den Wert der Solidarität und die Frage, ob wir wirklich die Augen brauchen, um unsere Mitmenschen zu sehen - das allerdings wirkt dann doch allzu bemüht und banal.
 

Oliver Stenzel

23.10.2008 - aktualisiert: 23.10.2008 11:02 Uhr

 


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