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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.10.2008

Willkommen bei den Sch'tis

Vorurteile müssen bestätigt werden

Man stelle sich vor: Auf der Autobahn hinter Bayreuth wird ein Autofahrer von der Polizei gestoppt, weil er zu schnell gefahren ist. Als der Mann erzählt, dass er als Leiter eines Postamtes in die ostdeutsche Pampa versetzt wurde und jetzt dorthin fährt, bleibt's polizeilicherseits bei Beleidsbekundung und einer Ermahnung.

Für 20 Millionen französische Kinogänger war das gleiche Szenario, auf einem Autobahnabschnitt in Richtung NordPas-de-Calais, saukomisch: Die Gegend da oben im Norden gilt im Rest Frankreichs sozusagen als "cul du monde", als Hinterteil der Welt. Zumal die Bewohner jenes Landstriches auch noch einen mehr als seltsamen Dialekt sprechen. Über den Akzent etwa von Kanadiern, Schweizern oder wallonischen Belgiern macht sich der Franzose nämlich gern lustig - er neigt zur Häme, der Gallier. Wobei außerhalb Frankreichs ja gern bezweifelt wird, dass es so was wie "französischen Humor" überhaupt gibt, auch Louis de Funès ist da kein unumstrittener Gegenbeweis.

Immerhin gibt es (aus)sprachlich fundierte Witze: Monsieur und Madame Citron haben einen Sohn. Wie nennen Sie ihn? Antwort: Théo, was gesprochen im Zusammenklang mit dem Nachnamen "thé au citron" ergibt, Tee mit Zitrone. Und weil der Lacherfolg der Komödie "Willkommen bei den Sch'tis" zum Großteil auf der Sprachebene zu verorten ist, hat sich die deutsche Synchronisation mal richtig Mühe gegeben und versucht, den Dialekt dieser Leute einsudeutsen, indem sie in einer Kunschtschprache letztlich einfach "s" und "sch" miteinander vertauscht hat: Wir fahren mit dem Busch, im Kaufhausch einen Wissmop kaufen.

Der Komiker Danny Boon stammt aus dem Norden und spielt die Hauptrolle: einen biederen Beamten, der sich seiner leicht hysterischen Gattin zuliebe um eine Stelle im sonnigen Süden bewirbt. Und der, um sie auch ganz sicher zu bekommen, den Behinderten mimt. Dumm nur, dass der allzu hastig zusammengebaute Rollstuhl beim Gespräch mit dem Vorgesetzten zusammenbricht - auch dies eine Szene, die schön illustriert, wie französischer Humor funktioniert. Der Postler landet also nicht im Süden, sondern - vorläufig solo - im Norden. Und stellt fest, dass die trinkfesten Kollegen eigentlich ganz nett sind.

Das französische National-Ego wird gebauchpinselt

Um aber von der Gattin weiterhin bemitleidet zu werden, schildert er die Situation als trübsinnig hoch drei. Als die nun unvermutet anreist, wird für sie ein potemkinsches Dorf voller debiler Trottel inszeniert - Vorurteile müssen schließlich bestätigt werden. Dass diese nette Komödie in Frankreich ein Kassenhit wurde, verwundert nicht: Die Vorurteile sind putzig karikiert, die Kritik ist kaum je satirisch, es menschelt versöhnlich, das National-Ego wird gebauchpinselt: Wir sind doch allesamt liebenswerte Franzosen, sagt der Film. Der hiesige Kinogänger sieht's mit leichtem Schmunzeln und denkt sich: Red kein Sch'tuss.
 

Peter Kreglinger

30.10.2008 - aktualisiert: 30.10.2008 11:55 Uhr

 


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