Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.10.2008
Let's Make Money
Das Geld, seine Verwalter und die Moral
Alles ist noch viel schlimmer, das haben wir immer geahnt - doch auch nach dem Bankencrash versteht kaum ein Steuerzahler, der nun für die Verluste der Spielbanker geradestehen soll, was eigentlich passiert und wo das Geld geblieben ist. Der österreichische Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer ("We Feed the World") zeigt es uns, er deckt in seinem neuen Werk "Let's Make Money" unerbittlich auf, wie das globale Finanzsystem funktioniert (hat).
Eine grobe Kurzfassung könnte etwa so lauten: Abgesichert von den USA und ihren europäischen Vasallenstaaten bringen Investoren Steuergelder, Subventionen, Allgemeingüter wie Energieversorgung und in Afrika sogar ganze Volkswirtschaften unter ihre Kontrolle, um am Fiskus vorbei exorbitante Gewinne zu erwirtschaften, die einer sehr kleinen Finanzelite zugute kommen, während Arbeitnehmern im Westen und Hungernden in Entwicklungsregionen Genügsamkeit gepredigt wird.
Wagenhofer hat mit vielen Beteiligten gesprochen, denen sich die Kamera nie aufdrängt. Ganz nüchtern darf da jeder erklären, was er tut, vom Finanzminister einer englischen Kanalinsel, die als Steuerparadies fungiert, bis hin zum Universitätsprofessor, der sich gegen Investoren-Raubbau engagiert. Wagenhofer bringt die Wahrheit scheibchenweise ans Licht, springt von einem Gesprächspartner und Schauplatz zum nächsten, und zunächst wird nicht klar, was sie miteinander zu tun haben - am Ende aber fügt sich alles zu einem geschlossenen Bild.
Dem verelendeten Burkina Faso, das von seiner erstklassigen Baumwolle nicht leben kann, steht ein früherer "economic hitman" ("Wirtschaftskiller") gegenüber, der erklärt, wie solche Länder durch Kredite in finanzielle Abhängigkeit gebracht werden. Wagenhofer fährt durch Geisterstädte in Andalusien, drei Millionen leere Nobelwohnungen werfen da Rendite ab und kosten den Steuerzahler Geld. Ein deutscher Private-Equitiy-Banker fragt sich, wieso "Zocker" wie er das alles überhaupt tun dürften, und ein Großinvestor in Singapur, erklärt: "Investoren sollten nicht dafür verantwortlich sein, was mit den Menschen und der Umwelt geschieht. Ihr Job ist es, zu investieren."
Immer wieder schiebt Wagenhofer treffende Illustrationen ein, eine Gelddruckmaschine natürlich, aber auch Motive wie die Kabine einer TV-Quizshow, in der Geldscheine herumgewirbelt werden, die der Kandidat fangen muss. Am Ende orakelt der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, wenn sich nichts ändere, breche ein neues "Zeitalter der Barbarei" an. Schlimm genug: Nach Wagenhofers Film mag man dies sogar glauben.
Bernd Haasis
30.10.2008 - aktualisiert: 30.10.2008 12:08 Uhr