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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.11.2008

Ein Quantum Trost

Es gibt keine Spielregeln mehr

Die globalisierte Welt der ungezügelten Gewinnmaximierung und Ressourcenverschwendung ist aus den Fugen, und der erste Spielfilm, der diese Entwicklung in all ihren Facetten spiegelt, ist einer, von dem man es am wenigsten erwarten durfte: Der 22. James-Bond-Film "Ein Quantum Trost".

Die Schurken sind heute keine verrückten Weltbeherrscher mit goldenen Pistolen und weißen Katzen mehr - sie sind nicht greifbare Investoren aus aller Welt, die sich auf der Bregenzer Seebühne treffen, um vor Opernkulisse einen gewinnträchtigen Betrug an der Menschheit vorzubereiten, den eine vorgeschobene Marionette lächelnd als Wohltat verkaufen wird. Profit hier, Verblendung dort - wie das geht, erklärt derzeit "Let's Make Money", der Dokumentarfilm zur Weltfinanzkrise.

Dass James Bond sich damit herumschlagen muss, versetzt ihn in die Lage eines Don Quichote - denn natürlich erwischt er am Ende nur die Marionette. "Ein Quantum Trost" setzt da an, wo der Vorgängerfilm "Casino Royale" aufgehört hat: Bond rächt die schöne Vesper Lind (Eva Green), die ihn verriet und dann für ihn ihr Leben gab. Ende offen, wie sich das heute gehört.

Lange standen die Initalen J. B. nur für einen, inzwischen ist ihm Konkurrenz erwachsen in Gestalt von Kerlen wie Jason Bourne (Matt Damon), Agent auf Identitätssuche, und Jack Bauer (Kiefer Sutherland), der als Antiterrorkämpfer in der TV-Serie "24" an einem Tag mehr erlebt als andere in 70 Jahren. Sie haben Maßstäbe gesetzt und wären nach dem alten Strickmuster kaum zu übertrumpfen gewesen - also versuchen die Bond-Macher nun, sie mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Wie unter einem Brennglas durchleuchten Drehbuchautor Paul Haggis und Regisseur Marc Forster eine unübersichtliche Gegenwart mit nur einer Spielregel: Es gibt keine Spielregeln mehr.

Daran hält sich der Geheimagent 007, und er ist kaum wiederzuerkennen: Der stilsichere Kosmopolit mit feinen Manieren und britischem Humor hat ausgedient und ist einer beinharten Kampfmaschine gewichen. Damit ist die Wandlung vollzogen, die sich in "Casino Royale" angedeutet hat, einer Art Neustart der Reihe mit Daniel Craig als körperbetontem Raubein in der Hauptrolle: Dieser Bond ist ein austrainierter Muskel, der eine Türklinke abbricht wie ein Streichholz, ein Bluthund, der sich nicht abschütteln lässt, ein Mann ohne Hemmungen, der auch Polizisten tötet, wenn sie korrupt sind. Vorbei die Zeit des witzelnden Gentlemans (Roger Moore) oder des smarten Parfumverkäufers (Pierce Brosnan) - der neue Bond wird dreckig, blutet und schlägt richtig hart zu.

Und er macht ganz selbstverständlich Gebrauch von seiner Lizenz zum Töten, denn er befindet sich in einem konstanten Wettlauf mit dem Tod. So hat Forster seinen mit Action-Sequenzen gespickten Film auch geschnitten: Bei einer Autoverfolgungsjagd am Lago Maggiore oder beim Luftkampf über der bolivianischen Wüste brechen Bildfetzen in hoher Frequenz über die Zuschauer herein wie Rasierklingen, vieles ist nur noch zu erahnen im fortgesetzten Aufflackern quietschender Reifen, einschlagender Projektile, berstender Metallteile.

Genuss leistet sich Bond nur noch in Zwangspausen

Die Schauplätze, das karibische Drittwelt-Idyll Haiti etwa oder die Stadt Siena am Tag das traditionellen Pferderennens Palio, entlarvt der Film selbst als reine Kulisse. Muße leistet sich der einstige Genießer Bond nur, wenn er Zwangspausen füllen muss: Einen ereignislosen Flug überbrückt er mit seinem früheren Lieblingsdrink, dessen Namen er nach dem Neustart nicht mehr kennt ("What am I drinking?"), und für Sex mit der ebenso süßen wie unbedarften Agentengehilfin (Gemma Arterton) ist nur Zeit, weil Leerlauf herrscht während des Wartens auf die abendliche Party des Schurken, den der Franzose Mathieu Amalric genau so spielt, wie er gemeint ist: als bornierten, austauschbaren Schaumschläger.

Ein starkes weibliches Pendant kann es nach Vesper Lynd nicht mehr geben, und Olga Kurylenko hinterlässt als Racheengel kaum mehr als eine Fußnote im Bond-Universum. Verbündete kennt die neue Welt ohnehin nicht: Der britische Geheimdienst ist unterwandert, es gibt keine sicheren Orte, und Bond kann sich allein auf seine Chefin M (Judi Dench) verlassen. Die Amerikaner, früher Brüder im Kampf für die gute Sache, schneiden sich heute lieber eine Scheibe vom Profit ab - und die Figur des CIA-Mannes Felix Leiter bekommt eine ganz neue, zwiespältige Dimension.

Ein Experiment dieses Kalibers hat es im Mainstream-Kino lange nicht gegeben: Der gebürtige Ulmer Marc Forster, Spezialist für große Dramen ("Monster's Ball", "Drachenläufer"), hat die Bond-Welt auf den Kopf gestellt. Thema verfehlt? Vielleicht, aber beeindruckend konsequent am Puls der Zeit: Forster zeigt eine harte Realität, die nicht zusammengeht mit reiner Unterhaltung und heiteren Momenten, die Fans ebenso vermissen werden wie den großen Showdown. Von wegen Trost: Am Ende erfasst die Zuschauer dieselbe Leere, die der Protagonist nach vollzogener Rache empfinden muss - Raum für den nächsten Film, für Weiterentwicklung, für eine kontroverse Debatte, wie sie das Unterhaltungskino selten anstößt.
 

Bernd Haasis

06.11.2008 - aktualisiert: 06.11.2008 10:14 Uhr

 


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