Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.11.2008
Rumba
Schatten an der Wand
Nein, "Rumba" ist kein Tanzfilm. Aber er ist ein Kunstfilm, eine Art Mischung aus Jacques Tati, Michel Gondry und Loriot. Er beginnt, wie er weitergeht: absurd und komisch. Geredet wird kaum. Die Regisseure Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy, die zugleich auch die Figuren spielen, sind ausgebildete Clowns. Da ist Fiona, Englischlehrerin, die den Kindern absurd komplizierte Sätze beibringt. Und da ist Dom, Sportlehrer, der mit den Kindern wenig professionell über den Schulhof turnt.
Als die Schule aus ist, die Glocke klingelt, ist Stille. Dann stürmen die Kinder johlend aus dem Gebäude - Pause, und schließlich grölen die Lehrer und Lehrerinnen hinterher. Indes tanzen Fiona und Dom in der Turnhalle einen eigenwilligen Rumba. Sie sind Ehe- und Liebespaar, Rumba ist ihre Leidenschaft. Bis eines Tages ein mutmaßlicher Selbstmörder ihren Weg kreuzt und sie, um ihm auszuweichen, mit ihrem Auto auf eine Mauer fahren. "Rumba" ist ein Liebesfilm, den der Besucher beschwingt verlässt. Seine außergewöhnlichen Figuren entsprechen keinen Schönheitsidealen und sind gerade deshalb erfrischend, faszinierend. In deren eigener, fantasievoller und mitunter knallbunter Welt erfasst die eher statische Kamera die Protagonisten frontal, hat Einsicht wie bei einem Bühnenbild, das Einblick in die Zimmer gewährt. Auch das lässt an Tati denken. Manches wiederum erinnert an Loriots Sketch von jenem Vertreter, der Chaos im Fremdwohnzimmer anrichtet, nur weil er ein Bild gerade hängen will.
Auch hier bricht das Chaos aus. Doch die beiden weinen nicht, sie verzweifeln nicht, sie lächeln, sind guten Mutes und machen einfach immer weiter, wie aufgezogen in einer absurden Umgebung. Und während sie nicht mehr tanzen können, tanzen ihre Schatten weiter als eine Art Schattentheater an der Wand. Der Fantasie jedenfalls sind keine Grenzen gesetzt, der Absurdität ebenso wenig. Das ist manchmal anstrengend, oft komisch und macht meistens Spaß. Als Dom irgendwann ein 30-Eier- Omelette mit einem Kilo Salz fabriziert, verliert Fiona kein Wort, und beide kaufen zusammen Eier ein. Das muss wahre Liebe sein. In Cannes war "Rumba" Liebling des Publikums.
Eva Maria Schlosser
06.11.2008 - aktualisiert: 06.11.2008 10:36 Uhr