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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.11.2008

Im Winter ein Jahr

Lichtspuren in der Nacht

Endlich kommt wieder ein Film von Caroline Link ins Kino, die sich 2001 mit einem Oscar ("Nirgendwo in Afrika") in die Babypause verabschiedete. Nun ist sie zurück und nähert sich behutsam und mit Einfühlungsvermögen einem Thema, das nur schwer zu verfilmen ist: Sie zeigt Leerstellen und emotionale Brüche in einer Familie nach dem Suizid des 19-jährigen Sohnes. Als Vorlage diente der bei uns unveröffentlichte Roman "Aftermath" des US-Amerikaners Scott Cambell. Ein schwieriger, nicht gerade plakativer Stoff, doch Link gelingt es einmal mehr, die Zuschauer mit Bildern und Figuren zu fesseln.

Im Zentrum der Familiengeschichte steht Tochter Lily. Nach dem Tod ihres Bruders lässt sich die junge Frau treiben. Sie studiert in München Tanz und Gesang, und genauso flüchtig, wie sie ihr Studium betreibt, lässt sie sich auf Liebesabenteuer ein - alle ihre Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt. Wenig Verständnis hat sie für den Wunsch ihrer Mutter, für ein Geschwisterporträt Modell zu stehen, auf dem sie und ihr toter Bruder abgebildet werden. Dennoch lässt sie sich überreden und findet in dem mürrischen alten Maler einen Freund, der sie so nimmt, wie sie ist.

Das Geheimnis des Erfolges der Filme von Caroline Link beruht zu einem großen Teil in ihrer traumwandlerischen Sicherheit, die richtigen Schauspieler für ihre Rollen zu besetzten. In "Jenseits der Stille" (1996) und "Pünktchen und Anton" (1999) hat sie mit Kindern gearbeitet, die noch nie vor der Kamera gestanden waren und charmant den einen oder anderen Profi an die Wand spielten.

Nun hat sie die Rolle der Lily mit Karoline Herfurth besetzt, die mit den "Mädchen Mädchen"-Filmen und als Opfer in "Das Parfum" bisher nicht wirklich als gorßartige Darstellerin empfohlen hat. Unter Links Regie spielt sie sich nun in Rage: Etwa wenn sie in der Hotellobby einen schmierigen Vertreter innerhalb weniger Sekunden heiß und ihn dann doch abblitzen lässt. Wenn sie sich in einer ihrer vielen Beziehungen bis zur Selbstaufgabe erniedrigt und nach Zuneigung bettelt. Wenn sie in einem wilden Ausdruckstanz die Schatten ihres verstorbenen Bruders bannt - da wird die Selbstsuche zum bildhaften Prozess, der mit wenigen Worten auskommt. Josef Bierbichler als Maler hat es dagegen richtig leicht. Er schlurft mit Herzenswärme durch den Film und ist Fels in der Brandung überbordender Emotionen.

Der Film ist aufgebaut wie ein verrätselter Krimi

Der Film fesselt noch aus einem weiteren Grund: Er ist aufgebaut wie ein Krimi mit verrätselter Auflösung. Wieso hat am Anfang der stets gut gelaunte und sportlich aktive Alexander Suizid begangen? Erst Stück für Stück lichtet sich die Familientragödie. Zudem versteht es Caroline Link wie nur wenige Regisseure, kleine Gesten und Begebenheiten mit Bedeutung und Emotionen zu füllen. In einer Szene steht der alte Maler im Dunkeln vor einer Kamera und fuchtelt mit dem Strahl der Taschenlampe durch die Luft. Später, auf einem Polaroidbild erkennen wir den Zweck seiner Übung: Um Lily zu trösten, hat er ihren Namen in die Nacht geschrieben.
 

Klaus Friedrich

13.11.2008 - aktualisiert: 13.11.2008 11:05 Uhr

 


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