Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 20.11.2008
Der Mann, der niemals lebte
Ein Menschenleben zählt nichts
Was als Krieg gegen den Terror auf der Fernsehbildschirmen der Welt erscheint, ist nur die halbe Wahrheit: Genauso wichtig wie die offene militärische Konfrontation sind verdeckte Geheimdienstoperationen. Ersteren hat Regisseur Ridley Scott ("Gladiator") sich in "Black Hawk Down" (2001) gewidmet, nun zeigt er den CIA-Agenten Roger Ferris (Leonardo DiCaprio), der undercover terroristische Zellen in der arabischen Welt ausfindig macht, immer aus der Ferne begleitet von seinem Vorgesetzten Ed Hoffman (Russell Crowe) in den USA.
Zur starken Besetzung kommt eine hochdramatische Geschichte und eine Inszenierung, in der es nicht zimperlich zugeht: Da wird geschossen und bombardiert, da gibt es Kämpfe Mann gegen Mann, da wird gefoltert und gesprengt. Scott schildert die Zustände im Nahen Osten lebensnah, immer hart bei den Akteuren, deren Handlungen sehr plausibel erscheinen und für die ein Menschenleben rein gar nichts zählt. Anders als der Schreibtischtäter Hoffman weiß der Praktiker Ferris, dass die Islamisten nicht mehr elektronisch kommunizieren, um nicht angezapft zu werden, sondern Nachrichten wie früher von Mann zu Mann weitergeben. Die CIA tappt oft im Dunkeln, was leitende Agenten wie Hoffman nicht beirren kann in ihrer Arroganz: Die Amerikaner benehmen sich wie die Axt im Walde, sind beratungsresistent, ruinieren Operationen, unterschätzen und brüskieren arabische Mitspieler und schaffen sich Feinde, wo Freunde hätten sein können (großartig: Ali Suliman als jordanischer Geheimdienstchef Omar Sadiki).
Natürlich erscheint manches bekannt in "Body of Lies" ("Lügengebilde" - woher nehmen deutsche Verleiher nur ihre sinnfreien Titel?): "Spy Game" (2001) mit Robert Redford und Brad Pitt lebte auch von der Kombination aus leitendem und ausführendem Agenten, und in "Syriana" (2005) spielte George Clooney einen US-Agenten, der im Krieg zwischen dem Westen und radikalislamischen Kräften an Grenzen stößt.
Neu bei Scott ist der Zynismus an der Heimatfront, mit dem Russell Crowe den Führungsoffizier Hoffman ausstattet: Mal packt er gerade seine Kinder ins Auto, wenn er am Handy mit Ferris über Leben und Tod diskutiert, mal steht er mit anderen Eltern auf dem Sportplatz. Später wird er Ferris raten, selbst bloß nie Kinder zu haben.
Größenwahn und Ohnmacht liegen nah beieinander
Und dann ist da noch ein visuelles Element von Kubrick'schem Format: In einem Kontrollraum sitzen Agenten mit Headsets und Joysticks vor einer Leinwand wie vor einem überdimensionalen Videospiel und zoomen per Satellit auf jeden beliebigen Punkt der Erde. Da zeigt Scott, wie nahe menschlicher Kontroll- und Größenwahn und Ohnmacht beieinanderliegen, wie die Überheblichkeit der Technikgläubigen groß genug ist, angesichts ihrer Grenzen nur gleichgültig mit den Schultern zu zucken. Scott setzt diesen Kontrollraum, in dem so vieles steckt, nur sparsam ein - womöglich hat er dessen große Wirkung auf der Leinwand unterschätzt.
"Body of Lies" kann durchaus als Fazit verstanden werden: Wohin der "war on terror" in seiner bisherigen Form die USA gebracht hat. Auf den neuen Präsidenten wartet viel Arbeit.
Bernd Haasis
20.11.2008 - aktualisiert: 20.11.2008 10:05 Uhr