Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.11.2008
It's A Free World
Wer Gefühle zeigt, geht unter
Die im Dunkeln sind es, die den britischen Filmemacher Ken Loach interessieren, Menschen also, die das Publikum sonst nicht sieht - auch deshalb, weil es mitunter gerne wegschaut, wo unangenehme Wahrheiten lauern. Dabei sind die naturalistisch gedrehten Filme des bekennenden Trotzkisten Loach keine Anklagen, sondern vielmehr Plädoyers für mehr Mitgefühl, mehr Gerechtigkeit, und er ist immer nah am Puls der Zeit.
"It's a Free World" spielt in einer Gegenwart, in der viele westeuropäische Normalbürger wahrscheinlich noch nicht angekommen sind: Loach nimmt den Arbeitsmarkt für legale und illegale Einwanderer in London unter die Lupe, die oft nicht einmal eine beheizbare Behausung für ihre Familien finden. Die alleinerziehende Angie (Kierston Wareing) verliert ihren Job bei einer Arbeitsvermittlung, weil sie sich entschieden den sexistischen Avancen ihrer Chefs widersetzt. Die Job-Aussichten sind finster, also beschließt sie, sich selbstständig zu machen. Sie kauft sich als Aushängeschild eine Harley und überredet ihre Mitbewohnerin Rose, die Buchhaltung zu übernehmen. Angie möchte helfen, Bedürftigen zu fairen Bedingungen Jobs verschaffen. Wer sich nicht ausweisen kann, wird nicht vermittelt. Bald allerdings muss sie festellen, dass sie sich auf vermintem Gelände bewegt, auf dem nur überlebt, wer keine Gefühle zeigt.
Einen ganzen Komplex dringlicher Themen arbeitet Loach in seinem spannenden Sozialkrimi ab: Die massive Einwanderung aus ärmeren Teilen der Welt in die Europäische Union ist eine Kehrseite der Globalisierung direkt vor unser aller Haustür. Die Folgen für den einheimischen Arbeitsmarkt sind Dumpinglöhne, von denen Normalverdiener die Stadtmieten nicht mehr bezahlen können. Und weil Angie so viel arbeiten muss, um in der harten Realität zu bestehen, lebt ihr Sohn bei ihren Eltern, die über das Treiben ihrer Tochter verständnislos den Kopf schütteln; sie beziehen Rente aus einer Zeit, in der alles noch wohlsortiert war. Die kurz aufflammende Liebe zu einem Wirtschaftsflüchtling aus Osteuropa schließlich konfrontiert Angie mit Minderwertigkeitskomplexen, die leicht in Hass umschlagen können - Ken Loach lässt seine Zuschauer nachempfinden, wie Menschen zweiter Klasse sich fühlen müssen.
Bernd Haasis
27.11.2008 - aktualisiert: 27.11.2008 11:24 Uhr