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Mathias Richling

"Für das Kabarett ist die Krise das Normale"

Foto: Promo

Mathias Richling über positives Denken, die Gefahren der Lüge und den Wahnsinn von Trennungen
 

Stets politisch, selten korrekt: Die bissigen Rollenspiele von Mathias Richling sind mittlerweilse auch bei jungen Fans Kult. Traditionell tritt er im Advent zum Heimspiel an. Für seine Vorstellungen am 5. und 6. Dezember in der Liederhallle gibt es noch Karten unter Telefon 1635321 sowie an der Abendkasse.

Nie war so viel Krise wie heute - zu Risiken und Nebenwirkungen haben wir den Star des deutschen Kabaretts befragt.

Das Jahr, von dem wir uns bald trennen, war das Jahr der Trennungen. Boris trennte sich von Sandy, die SPD vom Vorsitzenden Beck, Madonna von Ritchie, Bayern von der CSU-Mehrheit, Sarah Connor von Marc Terenzi, Hessen von Ypsilanti. Trennen Sie auch? Von wem trennen Sie sich am liebsten? Und von wem nur widerwillig?
In jeder Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn. Man muss sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen. In Goethes Sinne denke ich nicht viel über Trennungen nach, schon gar nicht über die von Frau Connor und ihrem Mister "Crazy In Love". Gern trenne ich mich von George Bush, der in seiner Rolle als Präsidentendarsteller noch schlechter war als Ronald Reagan. Nur ungern trenne ich mich allerdings vom Kollegen Bruno Jonas, weil wir uns im "Scheibenwischer" ideal ergänzt haben.

Ihr Kollege Jonas will ein Sabbatjahr einlegen ...
... das mit dem Sabbatjahr behauptet der Bruno zwar, ist aber nicht ganz richtig: Der "Scheibenwischer"-Acker bleibt keineswegs brach liegen.

Was wird sich ändern, wenn Sie der alleinige Chefwischer sind?
Warten wir's ab. Wir arbeiten mit Volldampf am neuen Konzept. Bruno ruht aus, und mir bleibt die ganze Arbeit. Hat schon Wilhelm Busch gesagt: Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden. Für die internationale Bankenwelt wäre ein solches Sabbatjahr allerdings ein Segen. Denn traditionsgemäß werden im Sabbatjahr die Schulden gestrichen.

Reizt Sie die Erholung eines Sabbat-Jahres nicht auch? Oder haben Sie andere Tricks, um jung zu bleiben?
Die ewig junge Frage danach, was einen jung hält, beantworten die Befragten gern ausweichend. Ich schließe mich dieser Tradition gern an. Im Moment fühle ich mich dazu zu alt.

Also Themenwechsel. Wie ist Ihr Verhältnis zu Barack Obama?
Wieso Verhältnis? Aber wenn Sie es eh schon wissen: Über private Verhältnisse rede ich nicht!

Und Sie haben nicht mal mit Obama auf dem Landespresseball in der Liederhalle getanzt! Das hätte der neuen First Lady des Ministerpräsdenten etwas Ruhe verschafft. Günter Oettinger widersetzt sich dem Trend zur Trennung. Nehmen Sie seine Partnerwahl an?
Ob ich sie annehme? Ich habe auch die letzte Beziehung nicht mit ihm geteilt.

Aber die Krise teilen Sie mit uns allen? Das Jahr 2008 geht als Krisenjahr in die Geschichte ein. Seit September kriselt es einfach überall. Was sind Ihre Hausmittel gegen die Krise?
Heiße Zitrone, Honigmilch und nasse Socken. Abgesehen davon: Schon vor etlichen Jahrhunderten spielten wir im Renitenz-Theater das Programm "Lachen in der Krise", was beweist, dass für uns Kabarettisten die Krisen das Normale sind. Als Psychoanalytiker rate ich zum positiven Denken. Ich unterstütze Frau Merkel in ihrer Ratlosigkeit und ihrem Pessimismus, der zum ersten Mal in der deutsche Geschichte ausdrückt, dass ein Politiker glaubhaft sein kann. Denn glauben tun wir's nur, wenn wir schlechte Nachrichten avisiert bekommen.

Auch der VfB Stuttgart steckt in der Krise, weshalb es nun Hoffnungsträger Markus Babbel richten soll. Was würde Richling als Cheftrainer anders machen?
Solange mir der VfB keine Tipps über die Verhinderung von Eigen-Goals und Abseits-Situationen im Kabarett gibt, solange kann ich mich mit meinen Fußball-Analysen gerade noch zurückhalten. Jeder Fußballtrainer hat Millionen wissenschaftliche Mitarbeiter am Stammtisch und vorm Fernseher. Ich fühle mich da sehr entbehrlich.

Wenn Sie schon dem VfB nicht helfen können - haben Sie dann wenigstens Tipps für die krisengeschüttelte SPD?
Die SPD sollte vielleicht versuchen, eine demokratische Partei zu werden, in der die von der Norm abweichenden Meinungen respektiert und Gewissensentscheidungen toleriert werden. Bei der Suche nach geeigneten Parteivorsitzenden, sollte die SPD aufhören, immer nur nach Friedrich Ebert zu suchen. Der ist wirklich nicht wieder zu beleben. Was die hessische SPD betrifft, sollte man sich hüten, Koch mit Kochschen Rezepten wie Lüge und Wahlbetrug vertreiben zu wollen.

Immerhin hat die SPD Müntefering zum Comeback verholfen - der zähneklappernde Münte ist eine Ihrer Paraderollen. Ich hoffe mal, der fehlt bei Ihrem Heimspiel in der Liederhalle nicht. Sie treten am Freitag sowie am Samstag, dem Nikolaustag, im Beethovensaal auf. Was haben Sie außer Münte im Sack? Wer kriegt die Rute?
Da Kabarett eine völlig gewaltlose, intensiv geistige Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Gegenwart ist, braucht niemand die Rute zu fürchten. Wenn Menschen zum Nachdenken verurteilt werden, schmerzt das schon genug. Mit dem Nikolaus haben wir Kabarettisten gemeinsam, dass wir es auch im Guten versuchen.

Mit der Rute kam dafür Marcel Reich-Ranicki und hat aufs gesamte Fernsehen eingeprügelt, als er den Preis für sein Lebenswerk nicht annahm. Hat Sie das geschmerzt? Sie machen schließlich Fernsehen mit dem "Scheibenwischer".
Marcel Reich-Ranicki hat ja den "Scheibenwischer" nicht explizit erwähnt, was ich nicht weiter schlimm finde. Womöglich hätte er das für eine Motorsport-Sendung gehalten. Der Auftritt des Meisters hatte jedenfalls enormen Unterhaltungswert. Viele Fernsehschaffende, die ich kenne, sind bereits in sich eingekehrt und befolgen Reich-Ranickis konkrete Vorschläge zur Verbesserung des Fernsehens: Sie bemühen sich, zumindest liefern sie Bemühtes. Der SWR soll sogar Reich-Ranicki als Ansage für den Anrufbeantworter geschaltet haben.

Auf You-Tube ist Ihre Ypsilanti-Parodie ein absoluter Hit. Kids schicken den Clip herun und lachen sich halbtot. Muss Comedy nun aufpassen, weil das Kabarett nun plötzlich doch die Jungen begeistert?
Comedy geht ja zurück auf die Komödie und die ist Jahrtausende alt. Kabarett ist 1901 entstanden, also vergleichsweise wesentlich jünger, dynamischer und flippiger, und das haben die Kids nun endlich auch bemerkt.

In Stuttgart war das Thema des Jahres Stuttgart 21. Was wird in unserer Stadt das Hauptthema im neuen Jahr?
Ob diese Immobilie nicht viel zu hoch bewertet wurde.

Zum Jahreswechsel blickt man gern in die Sterne. Wo sehen Sie Ihre Zukunft und speziell die von uns allen?
Ach, jetzt habe ich meine Glaskugel ausgeliehen. Aber ich gucke gern in meinen Regisseur Günter Verdin, der ständig orakelt: Sorge dich nicht! Das Leben will nur spielen.
 

Fragen von Uwe Bogen

02.12.2008 - aktualisiert: 02.12.2008 17:47 Uhr

 



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