Stuttgart - Eine neue Modedroge bereitet der Polizei im Land Sorgen. Die Kräutermischung "Spice" wirkt berauschend wie Marihuana oder Haschisch, ist aber noch legal. Entsprechend beliebt ist sie in Kifferkreisen.
Tatort Stuttgart-Stadtmitte: Ein Auto fährt langsam am Schaufenster eines sogenannten Headshops vorbei - das ist ein Laden, im dem die Kifferszene Dinge wie Wasserpfeifen und lange Zigarettenpapiere kauft. Im Schaufenster des Ladens hängt ein großes Schild: "Spice ist ausverkauft!" Enttäuscht setzt der Fahrer den Blinker und fährt weiter. Die Nachfrage nach Spice ist dermaßen groß, dass der englische Hersteller "The Psyche Deli" zeitweise nicht mit der Produktion nachkommt und es deswegen zu Lieferengpässen in ganz Deutschland kommt.
Tatort Stuttgart-Zuffenhausen: Der 21-jährige Mazda-Fahrer, der auf der Bundesstraße 10/27 in Zuffenhausen von einer Verkehrskontrolle gestoppt wird, wirkt sehr nervös. Die Pupillen sind typisch verändert, ein Schnelltest ergibt Cannabis-Konsum. Als die Beamten das Auto durchsuchen, finden sie neben zwei Tütchen Marihuana auch eine Tüte Spice. Im November gab es fünf solcher Funde - soviel wie in den ganzen Monaten zuvor zusammen. Die Dunkelziffer ist hoch. Nach "Spice" wird nicht gezielt gesucht und der Drogentest schlägt nicht an. Trotzdem, sagt die Polizei, sei auch Fahren im Spice-Rausch grundsätzlich strafbar. Der Nachweis sei halt noch schwierig, aber man arbeite daran.
Tatort Heilbronn: Der Raum Heilbronn scheint von dem Problem besonder stark betroffen zu sein. Händler werben für die neue "Biodroge" in Diskos, verkauft wird die Ware auch im Internet. Obwohl bislang keine verbotene Substanz in der Kräutermischung gefunden wurde, gehen Polizei und Justiz relativ entschlossen vor: Die Polizei meldet jeden Spice-Konsumenten bei der Führerscheinstelle, und die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Händler eingeleitet. Es bestehe der Verdacht auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetzes, sagt ein Sprecher. Wie auch die Heidelberger Staatsanwaltschaft lassen die Heilbronner Ermittler derzeit Proben untersuchen.
Tatort Freiburg: Am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg wurde vor drei Wochen ein wissenschaftlicher Selbstversuch durchgeführt. Wirkt Spice tatsächlich oder bilden sich das die Konsumenten nur ein (Placebo-Effekt)? Zur Beantwortung dieser Frage haben Diplomchemiker Volker Auwärter und ein Mitarbeiter zusammen einen Joint geraucht - Inhalt ca. 0,3 Gramm Spice der Sorte "Diamond". "Die Dosis wurde bewusst relativ niedrig gewählt", sagt Auwärter. "Trotzdem waren die Wirkungen recht deutlich." Es sei tatsächlich so, sagt er, wie es im Internet von erfahrenen und weniger erfahrenen Kiffern beschrieben werde: Spice verneble die Sinne und erhöhe den Puls und den Blutdruck signifikant. Allein das, sagt Auwärter, könne für empfindliche Menschen gefährlich sein. Im Freiburger Raum seien in den letzten Wochen vier Spice-Konsumenten mit Panikattacken oder Herz-Kreislaufproblemen auf eigenen Wunsch in die Klinik eingeliefert worden. In Frankfurt soll ein 14-Jähriger sogar einen Kollaps erlitten haben und mehrere Minuten lang bewusstlos gewesen sein.
Tatort Karlsruhe: Sozialministerin Monika Stolz (CDU), im Land für die Drogenpolitik zuständig, zeigt sich besorgt über die Entwicklung. Sie warnt wegen der nicht kalkulierbaren gesundheitlichen Risiken davor, Spice zu rauchen. Um ausreichende Erkenntnisse zu gewinnen wie gefährlich diese Kräutermischungen sind und ob Maßnahmen gegen den Vertrieb oder den Konsum von "Spice" ergriffen werden müssten, habe sie eine Prüfung beim Chemischen Untersuchungsamt in Karlsruhe (CVUA) veranlasst. Das Amt soll prüfen, welche Wirkstoffe in Spice enthalten sind und ob es nicht wenigstens als Arzneimittel eingestuft und damit rezeptpflichtig gemacht werden kann. Dann wäre der Spuk vorüber. "Die Analysen sind noch nicht abgeschlossen", sagte Stolz am Dienstag unserer Zeitung. "Nach Vorliegen der Ergebnisse wird über die weiteren Maßnahmen entschieden."