Stuttgart - Die Dach-Haie halten in der kalten Jahreszeit verstärkt nach Opfern Ausschau. Stuttgart - Dubiose Auftragsjäger überrumpeln ältere Hausbesitzer, schließen bei Haustürgeschäften Verträge über teure Dachsanierungen ab. Die Dachdecker-Innung schlägt Alarm.
Franz T. schien ein Glückspilz zu sein: Ein angeblicher Dachdecker hatte, ganz zufällig, ein paar beschädigte Ziegel auf dem Wohnhaus des 81-Jährigen gesehen und bot sich an, nach dem Rechten zu schauen. Der Mann, der sich als Fachberater B. auswies, erstellte eine erschütternde Diagnose: Das Dach müsse komplett neu gedeckt werden. Er verwies auf eine Altbausanierungs-Firma aus Weilimdorf, die das für 10.000 Euro erledigen könne. Franz T. soll sich aber ganz schnell entscheiden, das Sonderangebot gelte nur jetzt.
Ein fragwürdiges Angebot. "Diese Firma ist kein Innungsmitglied", heißt es bei der Dachdecker-Innung Stuttgart. Seriöse Betriebe pflegten keine Außendienstmitarbeiter loszuschicken, die "mit Panikmache" neue Aufträge zu akquirieren versuchen, so Innungs-Obermeister Hartmut Berner. Bei seiner Zentrale laufen derzeit die Telefone heiß: "Es gibt gerade viele Anfragen wegen solcher Haustürgeschäfte", heißt es. In den letzten Tagen waren Auftragsjäger in Sillenbuch, Untertürkheim und Bad Cannstatt, aber auch in Fellbach, Esslingen, Ludwigsburg und Weissach im Tal unterwegs.
"Das sind meist freie Mitarbeiter, die auf Provisionsbasis für Altbausanierer unterwegs sind", stellt Berner fest. Ein Geschäft, das sich bei 30 Prozent Provision und Aufträgen von bis zu 30.000 Euro durchaus lohne. "Und wenn erst einmal alles abdeckt ist, hat der Betroffene keine Beweise mehr dafür, ob das überhaupt notwendig war."
Die Dach-Haie sehen das anders: Sie sprechen von "direktem Marketing" in einer Zeit, in der man um jeden Auftrag kämpfen müsse. Außerdem seien viele Leute dankbar, wenn sie von Fachleuten an Ort und Stelle Ratschläge bekämen. Die Innung hält dagegen, dass oft mit zweifelhaften Methoden Druck aufgebaut werde - mit getürkten Ziegelbruchstücken und morschen Holzresten, die selbst mitgebracht wurden. Das zweiwöchige Rücktrittsrecht werde dadurch ausgehebelt, indem schon am nächsten Tag mit den Arbeiten begonnen werde.
Am Ende muss sich der Betroffene oft über Pfusch am Bau ärgern, weil dubiose Handwerker aufwendige Fachregeln nicht beachten oder sich den Aufwand einer Wärmedämmung nach gesetzlicher Energieeinsparverordnung sparen. Um Ärger zu vermeiden, rät Innungs-Obermeister Berner dazu, bei einem örtlichen Innungsbetrieb ein Vergleichsangebot einzuholen. Häufig stellt sich dabei heraus, dass der große Dach-Schaden völlig übertrieben ist.