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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.12.2008

Vicky Cristina Barcelona

Der Sarkast hadert nicht mehr

Es kommt meistens anders, das scheint eines der Grundprinzipien des Menschseins zu sein. Woody Allen hat daraus eine ménage à quatres gemacht mit dem Blick eines Mannes, der das Leben ernst nimmt, und genau deshalb darüber lachen kann.

Die US-Studentinnen Vicky und Cristina verbringen den Sommer in Barcelona. Vicky ist sittsam verlobt und hat ihre Zukunft durchgeplant; Cristina lässt sich treiben und hungert nach Reizen aller Art. Als der Kunstmaler Juan Antonio beide zu einem Kurztrip nach Oviédo einlädt und aus seinen amourösen Absichten keinen Hehl macht, ist die eine begeistert, die andere nicht.

Vicky erlebt, wie über Nacht ein scheinbar festgefügtes Weltbild ins Wanken geraten kann, Cristina wiederum stellt fest, dass Abenteuer ohne Ziel schnell schal werden, und Juan Antonio hangelt sich von Rästsel zu Rätsel. Über ihm schwebt als Phantom seine Ex-Frau Maria Elena, die Woody Allen sorgfältig zum Mysterium aufbaut. Als sie dann leibhaftig über den Film hereinbricht, bleibt kein Auge trocken: Mit gesundner Selbstironie inszeniert sich Penélope Cruz (34) als feurige Südländerin, die eine Jüngere auszustechen versucht, als Inspirationsquelle und Unruheherd für alle, die sie umgeben. Stolz wirft sie die Haare zurück, verströmt unterkühlt laszive Erotik und versprüht blitzenden Auges Schlangengift - das Elixier der großen Diven.

Dass die amerikanischen Girls neben ihr überhaupt bestehen können, liegt daran, dass Woody Allen sie lässt: Ständig justiert er die emotionalen Machtverhältnisse neu, niemand soll hier dauerhaft die Oberhand gewinnen. Ausgerechnet der konservativen Vicky hat er die trockenen Einzeiler in den Mund gelegt, die er früher für sich selbst reserviert hätte, und er lässt Rebecca Hall (26) Spielraum, ihre Figur aus der Selbst- (Ent-)Täuschung herauszuarbeiten. Scarlett Johansson (24) entwickelt sich als Cristina vom schmollmündigen Liebchen zur Fotografin mit scharfem Auge nicht nur für die Motive, die sie folgerichtig in Barcelona suchen darf - mit der lodernden Penélope Cruz als Vordergrund. Javier Bardems (39) Juan Antonio funkelt zu Beginn ebenso überzeugend als unwiderstehlich sanfter Macho, wie er später auch physisch in sich zusammenfällt, als er erkennt, dass es in dieser Geschichte nur für ihn als Mann nichts zu verstehen gab.

Woody Allen geht behutsam mit seinen Figuren um

Doch auch mit ihm geht Woody Allen so behutsam um, wie er es mit seinen Figuren noch nie getan hat. Nicht einmal Vickys Verlobtem, einem snobbistischen New Yorker Business-Langweiler, mag man böse sein: Er weiß es halt nicht besser. Allen spielt auch nicht Amerikaner und Spanier gegeneinder aus, er jongliert nur ein wenig mit Klischees, fördert ihr humoristisches und ihr dramatisches Potenzial zutage, um sie schließlich vollständig aufzulösen.

Woody Allen ist altersmilde geworden - der Sarkast hadert nicht mehr. Genießt das Leben, auch wenn es anders kommt, ruft sein Film den Zuschauern zu, und nehmt die Menschen, wie sie nun mal sind!
 

Bernd Haasis

04.12.2008 - aktualisiert: 04.12.2008 11:03 Uhr

 


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