Biografien boomen nach wie vor: "Es ist", so bemerkte einmal Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Journalist, "als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus". Schon früher haben Zeithistoriker festgestellt, dass sich hinter der Vorliebe der Leser für die Lebensläufe anderer ein großes Bedürfnis nach Vorbildern verbirgt, das besonders in Zeiten des Umbruchs, in denen alte Werte untauglich geworden sind, zum Vorschein kommt. So bietet der aktuelle Buchmarkt für jeden etwas Biografisches - über frühere Genies und aktuelle Idole, Musiker, Dichter, Politiker oder Bohemiens.
Schon im Wahlkampf begeisterte der soeben gewählte amerikanische Präsident Barack Obama die Menschen, verkörpert er doch die tiefe Sehnsucht nach einer Politik des Friedens und der Menschlichkeit. In seinem "hinreißend persönlichen und ausgesprochen politischen Buch" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") mit dem Titel "Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie" schildert er seine Jugend, die er unter ärmlichen Verhältnissen in Hawaii und Indonesien verbrachte, seine diskriminierenden Erfahrungen nach der Rückkehr in die USA und dem dadurch geweckten Ehrgeiz, der ihm zu einer glänzenden juristischen Karriere und seinem furiosen Aufstieg als Politiker der Demokraten verhalf.
Barack Obama: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie
(Hanser Verlag, München. 448 S., Euro 24,90, ISBN 978-3-4462-3021-7)Von einem, der als Vegetarier und Pazifist Massenvernichtungswaffen ersann, der den Blutfluss des menschlichen Herzens studierte, Stadtpläne aus der Satellitenperspektive zeichnete und zugleich der Mona Lisa ihr weltberühmtes Lächeln ins Gesicht zauberte, erzählt Stefan Klein in seinem spannend geschriebenen Buch "Da Vincis Vermächtnis". Der Erfolgsautor schildert Leonardo Da Vinci (1452-1519) als Jahrtausendgenie und modernen Menschen, der frei von allen Tabus die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen miteinander verknüpfte.
Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand
(Fischer Verlag, Frankfurt. 320 S., Euro 18,90, ISBN 978-3-1003-9612-9)Eine andere schillernde Gestalt der beginnenden Neuzeit, den Reformator Martin Luther (1483-1546), würdigt Veit-Jakobus Dieterich in der ebenso lebendig wie prägnant geschriebenen Biografie "Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit". Der Theologe und Sozialwissenschaftler sieht den Feind des Papstes als einen Mann der heraufziehenden Neuzeit, der aber auch noch im zu Ende gehenden Mittelalter verhaftet war.
Veit-Jakobus Dieterich: Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit
(Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 240 S., Euro 15,90, ISBN 978-3-4232-4701-6)Über die biografischen Grenzen hinaus führt James R. Gaines Buch "Das musikalische Opfer. Johann Sebastian Bach trifft Friedrich den Großen am Abend der Aufklärung", denn der in Paris lebende Sachbuchautor beleuchtet nicht nur das Leben der beiden Persönlichkeiten, sondern auch deren Existenz zwischen dem absolutistischen Barock und der bürgerlichen Aufklärung. Ein Treffen des Komponisten Bach (1685-1750) und des Preußenkönigs (1712-1786) im Frühjahr 1747 stellt Gaines in den Mittelpunkt seines Buches, zeigten sich doch dort die unterschiedlichen Positionen der beiden.
James R. Gaines: Das musikalische Opfer. Johann Sebastian Bach trifft Friedrich den Großen am Abend der Aufklärung
(Eichborn Verlag, Frankfurt. 321 S., Euro 34,00, ISBN 978-3-8218-6208-8)"Ich bin der letzte Mohikaner", behauptet der Musik-, Literatur- und Theaterkritiker Joachim Kaiser in einem Band, in dem er in Gesprächen mit seiner Tochter Henriette Kaiser sein Leben Revue passieren lässt. Die Erinnerungen des 1928 geborenen Universalgelehrten laden zu einem kurzweiligen Streifzug durch die Welt der schönen Künste ein.
Henriette Kaiser: Joachim Kaiser - Ich bin der letzte Mohikaner
(Ullstein Verlag, Berlin. 352 S., Euro 24,90, ISBN 978-3-5500-8697-7)