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Meine Straße: Abelsbergstraße

Wo Trostlosigkeit und Trost zu Hause sind

Foto: Wagner

Udo Oskar Rabsch und die Abelsbergstraße im Stuttgarter Osten
 

Etwas zu beschönigen, ist nicht die Art von Udo Oskar Rabsch. "Die Abelsbergstraße ist die traurigste Straße der Stadt", sagt er, der als einziger Arzt weit und breit hier seit knapp 30 Jahren praktiziert. "Trostlos ist es hier", sagt der 64-jährige Mediziner und weist in die Straßenschlucht. "Es gibt keine Balkone, nur ein paar kränkelnde Bäume." Neben ein paar kleinen Reihenhäusern bestimmen alte Mietskasernen das Bild. Einige wenige renovierte Fassaden können den Eindruck nicht aufhellen. "Dahinter ist die Trostlosigkeit geblieben."

Rabsch kennt hier jeden, jeder kennt ihn. "Man ist hier als Arzt auch eine Art Seelsorger." Und als Schriftsteller ist Rabsch zudem so etwas wie der Chronist dieser Straße. Viele seiner Begegnungen und Beobachtungen sind in inzwischen sieben Romane eingeflossen.

Es gab eine Zeit vor der Trostlosigkeit. An der Abelsbergstraße siedelte früher sogar die Hoffnung. In den 20er Jahren wurde hier und in der Nachbarschaft die Straßenbahner-Siedlung der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Friedenau gebaut. Klassen- und selbstbewusst war man. Stolz auf die eigene Arbeit richtete sich der Blick optimistisch in die Zukunft. Sinnbild dafür waren die überlebensgroßen Figuren an den Fassaden der Häuser. Über Hausnummer eins schwebt die Fruchtbarkeitsgöttin mit Füllhorn, über Nummer zwei wacht ein Held mit Schwert und Greifvogel, zu seinen Füßen liegt ein erschlagener Drache. Inzwischen bröckeln die Figuren ab.

Schon wenige Jahre nach dem Bau der Straßenbahner-Siedlung war der Traum vom Gedeihen, von der Fruchtbarkeit und vom Sieg über das Böse geplatzt. Auch im roten Osten der Stadt, in dem 60 Prozent für Kommunisten und Sozialdemokraten gestimmt hatten, übernahmen die Nazis mit Verhaftungen und Gleichschaltung das Kommando. Bald meldete sich der Widerstand nur noch vereinzelt zu Wort. Als Hitler wieder einmal von der deutschen Frau mehr Geburten verlangte, rief eine Parole an der Mauer des Garnisonskrankenhauses an der Abelsbergstraße zum passiven Widerstand auf. "Hitler zum Trotz, keine Tropfen in die Votz."

Das ist lange her. Die stolze Arbeitersiedlung von einst ist inzwischen "ein Problemgebiet wie der Hallschlag", sagt Rabsch. Die Abelsbergstraße verbindet den Raitelsberg und die Talstraße. Am einen Ende trotzen Jugendgangs der Tristesse und markieren mit Rio, dem Kürzel für Raitelsberg im Osten, das sie auf fast jede Fassade sprühen, ihr Revier, am anderen Ende stemmt sich ein Autohändler von Opel gegen die Krise.

Viele Rentner wohnen hier, viele Witwen, viele Ausländer, Hartz-IV-Empfänger, Ungelernte, Kleinkriminelle. "Hier lebt die sozial unterste Schicht", sagt Rabsch. Doch während in den Hinterhöfen die Wäsche im kalten Wind flattert, stehen vorn an der Straße dicht geparkt große Autos. "So manches wird wohl mit Drogengeld und Zuhälterei finanziert", sagt Rabsch und hebt vielsagend die Schultern. "Ich habe viele Problempatienten."

Die meisten Kriegsversehrten sind dem Arzt längst weggestorben, die vielen Patienten mit Asbest-Karzinomen haben schon vor Jahren ihren letzten Schnaufer getan, auch der Verrückte, der dem Arzt als Einzigem gestand, dass er den nahen Gaskessel als Gott anbetet, sieht inzwischen von der anderen Seite vielleicht klarer. Dafür kommen nun die in die Praxis, die sich durch schwere körperliche Arbeit krummgeschafft haben, die Depressiven, die nicht nur ein paar Pillen brauchen, und natürlich die Alkoholiker.

Wenn Rabsch aus dem Fenster seiner Praxis schaut, sieht er gegenüber die Gaststätte Friedenau. "Das ist der einzige Lichtblick in dieser Straße." Im früheren Streik- und Versammlungslokal der Arbeiterschaft wird noch heute regelmäßig Volkstheater gespielt. Im Sommer lockt ein Biergarten. Mittendrin waltet einer, den Rabsch fast als Kollegen sieht: "Der griechische Wirt hat im Viertel eine psychotherapeutische Funktion", ist so etwas wie die Klagemauer des kleinen Mannes. Rabsch nimmt dem Wirt nicht krumm, dass er auch etlichen seiner Problempatienten ausschenkt. "Wenn ich einem Alkoholiker vom Trinken abrate, hält er sich selten daran", sagt Rabsch. Es sei doch besser, die therapeutische Kontrolle finde bei einem Ansprechpartner statt, der Schorle und kleine Biere mitzählt.

Doch nicht immer liegt es an einer Kontrollinstanz, dass jemand auf den rechten Weg zurückfindet. Manchmal geschehen auch Wunder. Rabsch erzählt von drei Kindern aus drei kaputten Familien, die als Jugendliche auf dem direkten Weg in die Kriminalität waren und doch noch die Kurve gekriegt haben. Einer sei Banker geworden, ein anderer Pilot, einer Dolmetscher in Brüssel. An der Ecke Abelsbergstraße mit der Haußmannstraße hängen im Fenster eines Barackengebäudes Zettel mit bunten arabischen Schriftzeichen. Auf Deutsch wird Kinderunterricht angeboten, jeden Samstag um 11 Uhr. Das Unterrichtsprogramm umfasst neben "Qu'ranrezitation und Arabisch" auch "gutes Benehmen". Vielleicht ist die Trostlosigkeit doch nicht so trostlos.


Am Freitag, 12. Dezember, liest Udo Oskar Rabsch im Muse-o, Gablenberger Hauptstraße 130, aus seinem neuen Roman "Maria vom Schnee". Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt beträgt vier Euro.
 

Klaus Eichmüller

11.12.2008 - aktualisiert: 11.12.2008 14:58 Uhr

 



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