Stuttgart - Im 4,7 Grad kalten Wasser hatte das Kind keine Chance: Eine 33-jährige Mutter hat ihre vier Jahre alte Tochter an der Schleuse Untertürkheim in den Neckar geworfen und getötet. Als Motiv gibt die verheiratete Kroatin an, überfordert gewesen zu sein. Für Experten liegen die Ursache tiefer.
Die dramatische Tat auf der Untertürkheimer Brücke am späten Freitagnachmittag war zunächst niemandem aufgefallen. Bis drei Kilometer entfernt der Schleusenwärter von Obertürkheim auf einem seiner Videomonitore einen Körper mit dunkelbrauner Jacke hinter einer Schleusenkammer treiben sah. Beamte der Wasserschutzpolizei fuhren um 17.50 Uhr mit einem Streifenwagen an den Schauplatz, fanden die Leiche eines Kindes - und lösten Alarm aus.
Die Bergung gestaltete sich zeitaufwendig. Ein Polizeiboot musste zwei Schleusen flussabwärts passieren, um sich vorsichtig dem toten Körper in der flussseitigen Schleusenkammer zu nähern. Um 19.40 Uhr war das Kind geborgen - doch es sollte noch Stunden dauern, ehe die Identität des 1,10 Meter großen Mädchens mit dunkelbraunen Haaren geklärt war. Nirgends war ein Kind als vermisst gemeldet.
Kurz vor Mitternacht schließlich meldete sich in der Innenstadt eine 33-jährige Kroatin beim Polizeiposten Klett-Passage - und gestand den Mord an ihrem Kind. Sie habe ihre Tochter von der Brücke in den Neckar geworfen, sagte sie. Sie sei seit der Geburt mit der Erziehung überfordert gewesen und habe sich umbringen und ihre Tochter mit in den Tod nehmen wollen. Zum Suizid kam es aber nicht mehr. Ein Richter erließ am Samstag Haftbefehl wegen Mordes.
Die Mordkommission rätselt nun über das Motiv der 33-jährigen Kroatin. Von den äußeren Umständen her ist die Tat kaum nachvollziehbar: "Die Frau lebte in geregelten Verhältnissen in Stuttgart", sagt Polizeisprecherin Sybille Ahlborn, "sie ist verheiratet, und es gibt Familienangehörige in der Nähe." Das Mädchen war das einzige Kind. Auf vorausgegangene Misshandlungen gibt es bisher keine Hinweise. Allerdings hatte es zunächst so ausgesehen, weil das Kind eine ältere Brandnarbe an der linken Schulter sowie zwei Brandverletzungen am linken Arm aufweist. "Dabei soll es sich aber um einen Hausunfall gehandelt haben", stellt Polizeisprecherin Ahlborn fest.
Welche Rolle die kroatische Familie spielt und warum Freitagnacht niemand die Frau und ihr Kind als vermisst gemeldet hatte - das gehört zu den Umfeldermittlungen der Kripo. Die Familie habe sich "völlig überrascht" gezeigt. Die Leiche des Kindes soll am heutigen Montag obduziert werden.
Warum töten Mütter ihre Kinder? Der Psychiater und Gerichtsgutachter Dr. Peter Winckler hat in der Vergangenheit einige Fälle untersuchen müssen. "Im Grunde gibt es zwei Gruppen", sagt er, "nämlich Täter in einem stabilen sozialen Umfeld mit einer schweren psychiatrischen Erkrankung oder Täter in desolaten Verhältnissen, die in einer Überforderungssituation keine Auswege sehen." Freilich gebe es eine "nur verschwindend geringe Zahl von Fällen, wo so etwas mit der Tötung eines Kindes endet", so Winckler.
Die Motivlage, warum sie bei einer geplanten Selbsttötung auch die eigenen Kinder mit sich nehmen wollen, sei bei Frauen und Männern unterschiedlich. "Bei Müttern gibt es oft altruistische Gedanken", sagt Winckler, "sie sehen in solchen Situationen für ihr Kind keine lebenswerte Perspektive mehr, sie glauben, ihrem Kind Leid zu ersparen." Bei Vätern sei oft das Scheitern der Partnerschaft der Auslöser: "Da geht es um Zerstörung, um eine zusätzliche Bestrafung der ehemaligen Partnerin, nach dem Motto: Die soll mein Kind dann auch nicht bekommen." Bei psychiatrischen Erkrankungen wie Psychosen oder Depressionen als Ursache sei wiederum die Frauenquote höher.
Dass nach der Tötung des Kindes oft der letzte Schritt nicht mehr gemacht werde, dafür hat der Psychiater auch eine Erklärung. "Manchmal ist das Tötungsmotiv ernsthafter als der Suizid", sagt Winckler, "manchmal folgt auch eine Ernüchterung, eine Lähmung - und manchmal geht dem Täter einfach die Kraft aus."