Stephen Davis: Hammer of The Gods - Die Led Zeppelin Saga
Rockbuch Verlag
Led Zeppelin waren immer ein paar Nummern größer als die Konkurrenz – egal ob es um Plattenverkäufe, die Länge der Konzerte, das Ausmaß der Exzesse oder die Unverfrorenheit geistigen Diebstahls ging. Stephen Davies' Buch erschien im englischen Original bereits 1985 und 1997 in einer überarbeiteten Ausgabe. Auf deutsch ist die als Klassiker über die britischen Schwermetallpioniere geltende Bandbiografie jetzt erstmalig erschienen.
Abgesehen von einer kurzen "Ouvertüre", die dem an deftigem Material interessierten Leser wohl über die noch exzessarmen Jahre vor der eigentlichen Bandgründung hinweghelfen soll, verfolgt Davis den Aufstieg und Niedergang des bleiernen Luftschiffs in streng chronologischer Reihenfolge, beginnend mit Jimmy Pages und John Paul Jones Jahren als erfolgreiche Studiomusiker Mitte der 60er. Später, als Jimmy Page das Erbe der Yardbirds verwaltete, verschmolzen die beiden Profis und zwei bislang kaum bekannte Talente, Sänger Robert Plant und Schlagzeuger John Bonham, in einer einzigen Session zu einer Band, deren schwerer Bluesrock über ein Jahrzehnt lang das Musikgeschäft prägen und dominieren sollte: Led Zeppelin.
Davies schildert die musikalischen Wurzeln und Einflüsse der Band, zeigt offen Pages Hemmungslosigkeit, Werke anderer als die eigenen auszugeben ("Dazed And Confused" - Original: Jake Holmes, "Whole Lotta Love" - Original: Willie Dixon), schweigt aber merkwürdigerweise zum nicht weniger krassen dritten Fall, dem Ton für Ton vom Stück "Taurus" der Band Spirit abgekupferten Intro zu "Stairway To Heaven". Im großen und ganzen gelingt ihm der Spagat zwischen Bewunderer und kritischen Chronisten recht gut. Dabei feiert er immer wieder frühe Konzerte der Band als einzigartige Meilensteine ab und reiht sich in die Reihe derer ein, die den Soundtrack zu "The Song Remains The Same" bestenfalls als zeppelinsche Durschnittskost durchgehen lassen wollen. Soweit so gut. Doch gegen Ende des Buches bringt Davies dann die eigene Reputation selbst mächtig ins Wanken und nährt Zweifel an seiner musikalischen Urteilskraft, wenn er den grottenschlechten Auftritt von Page, Plant und Jones beim Live-Aid-Festival 1985 als sensationelle Wiedervereinigung feiert. Wo doch jeder, der dieses Debakel mit einem zugedröhnten Page an einer verstimmten Gitarre, einen stimmlich indisponierten Plant und einem überforderten Phil Collins am Schlagzeug erlebt hat, mit Grauen an jene Momente zurückdenkt. Einschließlich der Protagonisten selbst, die die Freigabe des Materials für die zwanzig Jahre später veröffentlichte Live-Aid-DVD-Box aus gutem Grund verweigerten.
Der Musik wird im Laufe von Davis 432 Seiten starkem Report zunehmend in eine Nebenrolle gedrängt. Der Wahnsinn während der erfolgreichen Tourneen durch die USA – Groupies, zerstörte Hotels, Alkohol- und Drogenexzesse sowie Jimmy Pages Beschäftigung mit Okkultismus – rückt immer stärker in den Fokus der Berichterstattung. Doch muss man Davis zugute halten, dass er hiermit wohl nicht nur voyeuristische Gelüste einfach strukturierter Zeitgenossen bedienen will. Die zentralen Botschaften sind in kurzen Statements und Zitaten zwischen den teilweise akribischen Schilderungen der Ausschweifungen versteckt. Wer diese nicht hastig überliest, dem offenbaren sich Abgründe an innerer Leere und Trostlosigkeit, die in jedem halbwegs an seiner seelischen Gesundheit Interessierten die Frage aufkeimen lassen, ob Geld und Erfolg diesen Preis wirklich wert sind.
Stephen Davis Hammer of the Gods - Die Led Zeppelin Saga 432 Seiten, inkl. Bildteil 19,90 EUR ISBN 978-3-927638-43-3