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Woran Stuttgarter glauben (2): Bahai

Bei den Bahai regiert das Prinzip Verantwortung

Foto: Wagner

Irena und Omid Gollmer haben über die Religion die Liebe entdeckt
 

In der Vitrine stapeln sich alte Porzellantassen, an der Wand steht ein dunkelgrünes Sofa mit abgewetztem Stoff, an der Decke hängt ein Kronleuchter. Die Zeit scheint stehen geblieben in diesem Zimmer im ersten Stock des Hauses in der Zuffenhausener Friesenstraße. Das ist durchaus so gewollt. Im Jahre 1913 machte Abdu'l Bahá, der Sohn des Propheten Bahá'u'lláh, in der Villa der Familie Schweizer Station. Die Eheleute zählten zu den ersten Bahai in Stuttgart. Heute prangt das Bild des Predigers über einer Kommode in der Ecke. Der Ort ist nicht nur das Zentrum der Stuttgarter Bahai, sondern eine Art Pilgerstätte. "Dieser Raum ist heilig für uns", sagen Irena und Omid Gollmer.

Die beiden gehören zu den etwa 50 Mitgliedern der Bahai-Gemeinde. Sie kommen aus Stuttgart, Österreich, der Türkei oder dem Iran. Alle 19 Tage, so lange dauert ein Monat im Bahai-Kalender, treffen sie sich in Zuffenhausen, um ein Fest zu feiern. Es steht im Mittelpunkt des Gemeindelebens eines jeden Bahai. Neben Andacht und Beratung gehört zum 19-Tage-Fest vor allem ein geselliger Teil. "Irgendeine Familie bringt immer was zum Essen mit", sagt die 22-jährige Irena. In der Küche im renovierten Erdgeschoss schnappen sich die beiden eine frisch gebackene Waffel und setzen sich zu den etwa ein Dutzend anderen Bahai in den Versammlungsraum, um über Gott und die Welt zu reden.

An die komischen Fragen von Außenstehenden haben sie sich längst gewöhnt. Kaum einer kennt die Religion, die im 19. Jahrhundert vom aus Persien stammenden Bahá'u'lláh gestiftet wurde. Dieser geht in seinen Schriften davon aus, dass alle Religionen vom selben Gott stammen. Gott offenbare sich der Menschheit aber nicht einmalig, sondern wiederkehrend. "Es handelt sich gewissermaßen um ein Update", sagen die beiden Bahai. Die zentrale Aussage dabei: Da die Menschheit sich fortentwickle, müsse die Religion eine Erneuerung erfahren, um der Situation entsprechend göttliche Führung leisten zu können.

Der Glaube war es auch, der Irena und Omid Gollmer zusammengeführt hat. Das erste Mal gesehen haben sie sich im Jahr 2005 bei einem Bahai-Treffen im oberösterreichischen Spital am Pyhrn. "Er hat als Musiker einen Auftritt gehabt", erzählt Irena, die in Hofheim am Taunus aufgewachsen ist, wo das Haus der Andacht der Bahai steht. Danach sei man ins Gespräch gekommen. "Wir haben nächtelang durchgeredet", sagt der 26-jährige Omid, der aus Graz stammt. Im Sommer dieses Jahres haben sie im Bahai-Zentrum in Hofheim geheiratet, um sich anschließend in Stuttgart niederzulassen. Irena studiert jetzt Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart, Omid ist als studierter Psychologe und Pädagoge auf der Suche nach einem Job.

Wäre es für sie denkbar gewesen, auch mit einem Nicht-Bahai zusammen zu sein? "Man ist sich in Grundsatzfragen schon mal einig", beschreibt Irena die Vorteile ihrer Beziehung. Beide sind als Bahai aufgewachsen, haben den Glauben von ihren Eltern vermittelt bekommen. Außerdem gebe es viele Feiertage, täglich mehrere Gebete, die Fastenzeit vom 2. bis 21. März. "Es ist einfacher, wenn man religiöse Rituale gemeinsam begehen kann." Zu den Grundwerten, auf die sich beide berufen, gehört etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die in den Schriften von Bahá'u'lláh fest verankert ist. Außerdem seien Religion und Wissenschaft bei den Bahai vereinbar wie "zwei Schwingen eines Vogels". Und ohne Kleriker komme es bei der Interpretation der Texte auf die Selbstständigkeit jedes Einzelnen an. "Es regiert das Prinzip der Verantwortung", sagt Omid.

Im Schweizer Haus in Zuffenhausen neigt sich das 19-Tage-Fest dem Ende zu. In der Küche wird Geschirr gespült, die Ersten verabschieden sich. Die Stimmung ist locker wie nach einem gemütlichen Abend bei Freunden. "Wir haben dank der Gemeinde sehr schnell viele Leute in Stuttgart kennen gelernt", sagt Omid - und gibt sein Lieblingszitat des Propheten mit auf den Weg. "Der Mensch ist ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert - nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag."


Die Bahai gehen davon aus, dass sich Gott im Laufe der Geschichte immer wieder den Menschen offenbart. Nach Moses, Christus, Buddha und Mohammed ist Bahá'u'lláh (Herrlichkeit Gottes) der jüngste Prophet in dieser Reihe. Er wurde im Jahre 1817 in Persien geboren.

Weil er seine vom Islam unabhängige Religion verkündete, wurde er ins Gefängnis geworfen und verbannt - zuerst nach Bagdad, dann nach Konstantinopel und schließlich in die Gefängnisstadt Akka nahe Haifa, das heute in Israel liegt. Dort starb er 1892. Sein Glaube verbreitete sich schnell über die ganze Welt. Heute sind geschätzte 8 Millionen Menschen Bahai, die meisten in Indien und dem Iran, etwa 15 000 in Deutschland.

Zentrale Glaubenssätze aus den Schriften Bahá'u'lláhs sind die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, die Einheit der Menschen und das Streben nach Weltfrieden sowie die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion.

Es gibt keine Kirche, in den Gemeinden wird jährlich ein geistiger Rat als Führungsgremium gewählt. Als religiöse Zentren gelten die Häuser der Andacht, die es auf jedem Kontinent gibt. Das Bahai-Weltzentrum liegt in Haifa.

 

Michael Gerster

22.12.2008 - aktualisiert: 22.12.2008 17:45 Uhr

 



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