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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.01.2009

Jerichow

Landschaft erfüllt mit Außenseitern

Ausgerechnet in einer Gegend, die viele angestammte Einwohner aufgeben, suchen drei Entwurzelte eine Heimat. Christian Petzold schaut ihnen dabei zu wie durch ein Kaleidoskop: Aus Lebensbruchstücken setzt er Motive zusammen, in denen sich die aus den Fugen geratene Gegenwart spiegelt.

Thomas, unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassener Afghanistan-Veteran, zieht ins heruntergekommene Haus seiner verstorbenen Mutter in der mangels Lebensperspektiven ausblutenden Priegnitz im deutschen Nordosten. Einen Job findet er bei Ali, einem Imbisskönig mit 45 Buden. Ali fährt Geländewagen, hat ein Landhaus im Wald, ein Alkoholproblem und eine hübsche Frau namens Laura. Diese verfügt nur äußerlich über alles, und selbst wenn sie schwitzend den Transporter mit Imbisswaren belädt, tut sie dies mit der abweisenden Grazie einer Königin ohne Reich.

Christian Petzold erfüllt die Leinwand zunächst mit Landschaft und diese dann mit Außenseitern. In "Die innere Sicherheit" (2000) setzte er die Tochter von Terroristen in der Einsamkeit eines Villenviertels aus, in "Gespenster" (2005) zwei gestrandete Gören im Berliner Tiergarten, in "Yella" (2007) eine sinnsuchende Ostdeutsche in der tristen westdeutschen Provinz. Das Trio in "Jerichow" nun irrt über baumbestandene Alleen, durch gesichtslose Gewerbegebiete und zum Ostseestrand, wo das Unglück seinen Ausgang nimmt: Der betrunkene Ali zwingt seine Frau und seinen Gehilfen zum engen Tanz, stürzt gleich darauf beinahe von der Klippe und bringt dadurch unbewusst eine Idee zur Welt - ein großer Kino-Moment, der keine Worte braucht, weil die Bilder für sich sprechen.

Benno Fürmann als Thomas fehlen die Worte. Mit freiem Oberkörper und leerem Blick gibt er einen Mann, der weder ein Gefühl für sich selbst hat noch dafür, was er mit seinem Leben anfangen soll. Ein ideales Instrument für Laura: Sie schwankt zwischen mürrischem Hochmut und hemmungsloser Selbstanpreisung, und Nina Hoss genügt mitunter das bloße Zucken eines Mundwinkels, um vom einen zum anderen umzuschalten. Kaum unbeobachtet durch den krankhaft eifersüchtigen Ali, darf Thomas über sie herfallen, doch sie ist aus gutem Grund nicht für Luft und Liebe zu haben - und bald würde Thomas alles tun, sie sich leisten zu können.

Im Drama im Kleinen spiegelt sich das große Ganze

Das Zentrum des Films aber ist Hilmi Sözer, der den zerrissenen Ali grandios in sich aufnimmt: Dieser Mann möchte geliebt werden, führt sich aber auf wie ein Patriarch, er möchte großzügig sein, verwendet Geld aber als Druckmittel, er möchte dazugehören, fühlt sich als Türkischstämmiger aber fremd in seiner gekauften Welt, weil die Urdeutschen auf ihn herabsehen. Sein Erfolg indes ist gut begründet, er riecht förmlich, wenn ein Vietnamese ihn betrügt, wenn Thomas etwas verschweigt, wenn mit dem Getränkehändler etwas nicht stimmt.

Sogar eine überraschende Wendung zum Schluss hat Christian Petzold gefunden, und sein Drama im Kleinen funktioniert als Laboransicht des großen Ganzen: Was wertlos übrigbleibt, wenn der Mensch alles andere zerstört hat, ist Geld.
 

Bernd Haasis

08.01.2009 - aktualisiert: 08.01.2009 11:55 Uhr

 


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