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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 15.01.2009

Die Klasse

Das interkulturelle Klassenzimmer

In einem Pariser Vorort geht Französischlehrer François mit den besten Absichten zum Unterricht: Er möchte seinen Schülern Bildung vermitteln. Doch in dem Multikulti-Viertel, in dem er unterrichtet, bedeutet dies, sich jeden Tag aufs Neue einer Sisyphosaufgabe zu stellen. Die Schüler weigern sich, verschiedene Vergangenheitsformen des Französischen zu unterscheiden, weil diese in ihrem Sprachalltag keine Bedeutung haben; sie kritisieren ihren Lehrer, wenn er in Textaufgaben amerikanische Namen wie Bill einsetzt und nicht Namen aus ihrem Umfeld verwendet - die Schüler heißen Rachid, Aissata oder Ahmed und wollen als solche respektiert werden. François geht keiner Diskussion aus dem Weg. Er verteidigt seinen Bildungsauftrag, provoziert Diskussionen und bringt seine Schüler immer wieder dazu, sich am Unterricht zu beteiligen. Doch als Problemschüler Souleyman über Umwege erfährt, dass ihn sein Lehrer in der Konferenz als beschränkt bezeichnet hat, eskaliert die Situation.

"Entre les murs" ("Zwischen den Mauern") heißt der Roman von François Bégaudeau, den Regisseur Laurent Cantet nun halbdokumentarisch verfilmt. Der Autor spielt die Hauptrolle selbst und wirkt allein deshalb schon authentisch, weil er diese Dinge tatsächlich selbst erlebt hat. Der Film ist überwiegend ein Kammerspiel im Klassenzimmer und entwickelt in der räumlichen Begrenzung eine kolossale Dynamik. Pubertierende 15-Jährige aus der Karibik, Nord- und Schwarzafrika treffen auf einen unkonventionellen Lehrer, der den Versuch unternimmt, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren, der von Gerechtigkeit und Demokratie überzeugt ist und doch immer wieder an sich selbst oder den Umständen scheitert. Neue pädagogische Konzepte werden in der Lehrerkonferenz nur angetippt, und alle sind erleichtert, als die Diskussion umschwenkt auf die defekte Kaffeemaschine.

Der Film bringt die Grenzen der Pädagogik auf den Punkt. Er beschönigt weder die Ignoranz schulischer Institutionen noch diejenige integrationsunwilliger Zuwandererkinder. Er lässt den Bildungsauftrag und die ungelösten sozialen Probleme dialektisch aufeinanderprallen wie in einem Brecht'schen Lehrstück. Gegen die kleinen und großen Dramen eines Schuljahres ist kein Kraut gewachsen - diese ernüchternde Erkenntnis vermittelt "Die Klasse" mit herzerfrischender Ehrlichkeit und lässt gleichzeitig der Hoffnung Raum, dass sich im neuen Schuljahr etwas bewegen könnte.
 

Klaus Friedrich

15.01.2009 - aktualisiert: 15.01.2009 11:24 Uhr

 


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