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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.01.2009

Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

Auf Messers Schneide

Wie kein anderer ist der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum Symbol dafür geworden, dass nicht alle Deutschen Nazis waren. Als ausgerechnet der Scientologe Tom Cruise den Grafen in einem Hollywoodfilm spielen und an historischen Orten wie dem Bendlerblock drehen wollte, brach deshalb eine sehr deutsche Hysterie aus. Ganz unnötig, wie der fertige Film namens "Operation Walküre" nun zeigt.

Aus dem Fenster des Propagandaminsteriums beobachtet Joseph Goebbels, wie die Wehrmacht vorfährt. Vorsichtig zieht er aus einem hölzernen Futteral eine Glaskapsel und steckt sie in den Mund. Sekunden später klopft Major Remer an, der das Ersatzheer in Berlin befehligt, und alles wird davon abhängen, ob Goebbels ihn davon überzeugen kann, dass er von einer Offiziersclique für einen Putsch missbraucht wird. Dramatischer hat noch kein Film auf den Punkt gebracht, wie sehr die Dinge am 20. Juli 1944 auf Messers Schneide standen.

Im Detail haben die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander gemeinsam mit dem Regisseur Bryan Singer gekonnt von ihrer künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht, sie haben interpretiert und zugespitzt; im Wesentlichen aber haben sie sich an die Fakten gehalten.

Deutsche Offiziere wollen Hitler umbringen, den für diesen Fall vorgesehenen Notfallplan "Operation Walküre" auslösen und das Land mit Hilfe des Ersatzheeres unter ihre Kontrolle bringen - um das Regime zu stürzen, den mörderischen, aussichtslosen Krieg zu beenden und von Deutschland zu retten, was noch zu retten ist. Oberst Stauffenberg, der gerade im zusammenbrechenden Afrika-Feldzug ein Auge und eine Hand verloren hat, bekommt in der ostpreußischen Kommandozentrale Wolfsschanze Zugang zu Hitler und platziert eine Bombe unter dem Besprechungstisch.

Suspense-Spezialist Singer ("Die üblichen Verdächtigen") ist es gelungen, aus der Vorlage einen ausgesprochen spannenden Verschwörungsthriller zu machen. In großen Bildern lässt er spürbar werden, wie sehr der Erfolg des Anschlags von Zufällen abhing und von der Unterstützung vieler Einzelner. Tom Cruise in der Rolle des Stauffenberg bleibt als dynamischer Antreiber des Umsturzes etwas blass und eindimensional heldenhaft. Anders Billy Nighy als General Olbricht, der im entscheidenden Moment Angst vor der eigenen Courage bekommt, oder Tom Wilkinson als wankelmütiger General Fromm, der laviert und trickst, weil eine Privatfehde mit Hitlers Lieblings-General Keitel seine Karriere blockiert.

Singers Bilder sind beeindruckend und vielsagend, ein Meer blutroter Fahnen vor dem SS-Hauptquartier etwa bringt den Nazi-Pomp auf den Punkt. Von oben blickt die Kamera auf Thomas Kretschmann in seiner ersten Szene als Major Remer, wie er in kräftigen Zügen ein Becken durchschwimmt, in dessen Mitte ein riesiges Hakenkreuz eingelassen ist - ein zum Modellathlet gereifter Hitlerjunge, über dessen Gesinnung nie Zweifel besteht. Stauffenberg hat die zündende Idee, als er mit seiner Familie im Keller seines Hauses die Einschläge der Bomben spürt, während oben auf dem Grammofon ungehört weiter Wagners "Walküre" rotiert.

Hollywoods hohe Kunst der Verdichtung

Doch es kommt noch besser. Stauffenberg muss Hitler zunächst in dessen Bergresidenz am Obersalzberg aufsuchen, wo alle NS-Haupttäter in einem Bild im Kreis versammelt sind wie Mitglieder eines Verbrechersyndikats, die sich um ihren Paten scharen. Eine gespenstische Szene wie aus dem Panoptikum, die Singer elegant auflöst, indem er sie in Satire münden lässt: Der Diktator schließt den Veteranen Stauffenberg sogleich ins Herz und erklärt ihm mit rollendem R: "Man kann den Nationalsozialismus nicht verstehen ohne Wagner!" So beherrscht nur Hollywood diese hohe Kunst der publikumswirksamen Verdichtung eines Themas, ohne dessen ernsten Kern zu beschädigen oder zu schmähen.

Darüber ächzen manche schon vor dem deutschen Filmstart geschichtsbeflissen und suchen nach Fehlern im Detail, die letztlich keine Rolle spielen. Singer und Cruise kann man vorwerfen, dass sie sich nicht für die Motive der Offiziere interessierten: Ging es ihnen darum, sich selbst zu retten, das Leben Tausender Soldaten, den deutschen Ruf in der Welt? Oder gar darum, die Gräueltaten an der Ostfront und in den Konzentrationslagern zu beenden? An der deutschen Diskussion fällt auf, dass sie die Wahrnehmung des deutschen Widerstands auf Stauffenberg verengt.

Eine umfassende Betrachtung des Themas ist Falk Harnack 1955 in seinem Spielfilm "Der 20. Juli" gelungen. Er ist geprägt von der Biografie des Regisseurs - Harnack war Mitglied der Weißen Rose, wurde angeklagt und überraschend als Einziger freigesprochen. Er zeigt die Offiziere bei heimlichen Treffen, wie sie über die künftige Staatsform ebenso debattieren wie über ihren Eid auf Hitler, welcher den seinen auf die Weimarer Verfassung doch hundertfach gebrochen habe; er zeigt einen linientreuen Offizier, der an der Ostfront Zeuge eines Massakers wird und zum Widerstand überläuft; er zeigt Widerständler, die Parolen an Hauswände malen und im Keller Flugblätter drucken; er zeigt, wie ein jüdische Arzt verhaftet wird; und er zeigt in kunstvollen Montagen das Grauen des Krieges, fallende Bomben, Artilleriefeuer, explodierende Panzer, sterbende Menschen.

Das geht durch Mark und Bein, und am Ende bleibt nur eine Frage offen: Wieso nicht noch mehr Mutige gegen Hitler aufstanden.
 

Bernd Haasis

22.01.2009 - aktualisiert: 22.01.2009 13:23 Uhr

 


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