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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.01.2009

Der seltsame Fall des Benjamin Button

Forrest Gump lässt grüßen

Drehbuchautor Eric Roth (63) hat dem "Pferdeflüsterer" (1998) und dem "Insider" (1999) Worte gegeben, den Oscar aber bekam er für eines der großen US-Melodramen des 20. Jahrhunderts: die Adaption von "Forrest Gump" (1994). Nun hat Roth der Versuchung nachgegeben, auf dieses Feld zurückzukehren: mit der Adaption einer Geschichte F. Scott Fitzgeralds - und er ist eindeutig als Wiedergänger zu erkennen.

Benjamin Button wird 1918 in New Orleans als greisenhaftes Baby geboren, sein Geist entwickelt sich normal, doch sein Körper altert rückwärts - er wird innen reifer und außen jünger. Leicht zu erzählen ist das nicht: So einer braucht einen Schutzraum, den der vom Vater verstoßene Gnom im Seniorenheim bei einer herzensguten schwarzen Mamsell findet. Wer das noch glauben mag, den stellt Benjamin auf weitere Proben: Der Methusalem bleibt lange unansehnlich, seine innere Jugend eine Behauptung. Er gautscht im Rollstuhl und rappelt mit dem Besteck, mehr hat er nicht zu bieten - ein weniger inspiriertes Kind ist kaum vorstellbar. Gerade im Kontrast zu Daisy, der Enkelin einer Seniorin, mit der er sich anfreundet: Sie ist es, die Benjamin nachts aufweckt, um ihn in ihre Deckenhöhle mitzunehmen. Daisy sprüht vor Fantasie und erleuchtet den blassen Sonderling.

Während Forrest Gump in rührender Unbedarftheit auf die Weltgeschichte wirkte, ist Benjamin Button nur ein Spielball, der sich viel wundern, aber wenig tun darf. Immerhin verlässt er das Heim, heuert bei einem versoffenen Kapitän an, fährt bis Russland und hat eine Affäre mit einer Diplomatengattin (Tilda Swinton), bei der unklar bleibt, wieso sie sich ausgerechnet diesen nichtssagenden Kerl dafür aussucht.

Auch Brad Pitt ist seine Figur wohl ein Rätsel geblieben. Erst als er alle Lagen der Altersmaske abgestreift hat, gelingt es ihm, sich die Rolle anzueignen: Als Dressman, der segelt und Motorrad fährt, ist Pitt ganz bei sich und weit weg von dem drögen Benjamin, der er so lange sein musste.

Cate Blanchett stiehlt Brad Pitt die Schau

Diesem hat sowieso längst Daisy die Schau gestohlen, als sie endlich alt genug war für Cate Blanchett. Sie verkörpert reine Anmut als junge Ballerina wie als reife Tanzlehrerin, sie rettet nicht nur Benjamin, sondern den ganzen Film. Bei ihr kollidieren Gefühle, sie ficht Konflikte aus, in denen Menschen sich wiederfinden, und sie gibt seinem Werben erst nach, als ihr Leben einbricht - "Forrest Gump" lässt grüßen.

Thriller-Spezialist David Fincher ("Se7en", "Fight Club") hat mit Filmbildern Maßstäbe gesetzt, kann seine Stärken in seinem ersten Melodram und bei diesem Stoff aber nur selten ausspielen. Die Stürme des Lebens spiegelt er in Unwettern auf der Leinwand, ständig pfeift der Wind, klappern Türen, blickt der Himmel finster. Eine rückwärts laufende Uhr erscheint als Verbildlichung von Buttons Schicksal allzu naheliegend, furios inszenierte Szenen wie ein Seegefecht im Zweiten Weltkrieg mit ohrenzerfetzenden Geschosseinschlägen fallen eher aus dem Rahmen - genau wie der Senior, der nur darüber redet, dass er siebenmal vom Blitz getroffen wurde, was Fincher in kurzen Schwarz-Weiß-Clips gewitzt bebildert.

Entscheidend ist letztlich, was man mitnimmt aus dem Kino: Die sehenswerte zweite Hälfte mit Cate Blanchett wühlt auf, hallt lange nach und erinnert sehr warmherzig daran, wie wichtig die Nächsten und Liebsten für den Menschen sind.
 

Bernd Haasis

29.01.2009 - aktualisiert: 29.01.2009 10:24 Uhr

 


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