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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.01.2009

Stilles Chaos

Warten aufs Leben

Nanni Moretti ("Das Zimmer meines Sohnes", "Der Italiener") ist mal wieder in Hochform: Er gibt den vielbeschäftigten Manager Pietro Paladini, bei dem alles wie am Schnürchen läuft. Eines Tages aber, als er sich mit seinem Bruder eine Auszeit am Strand gönnt, geschieht in seinem Wochenend-Domizil eine Katastrophe: Seine Frau stürzt, sie stirbt, und seine kleine Tochter Claudia ist alleine in ihrer Not. Als Pietro nach Hause kommt, ist die Polizei bereits vor Ort. Claudia hat verzweifelt versucht, ihn via Handy zu erreichen, aber er hat nicht abgenommen. Der Schock sitzt tief, und Pietro beschließt, seine Tochter nie wieder zu verlassen. Er bleibt seiner Arbeit fern, bringt Claudia in die Schule und wartet im benachbarten Park auf sie. Jeden Tag.

"Caos calmo" - "Stilles Chaos" schildert eine Ausnahmesituation. Auf das rasante Chaos zu Beginn folgt die Zeit der Stille und des Wartens, aus der etwas Neues erwächst. Langsam entfaltet sich um Pietro ein Mikrokosmos aus flüchtigen Bekanntschaften, die die Regelmäßigkeit des Alltags ihm beschert: eine junge Frau, die mit ihrem Hund im Park spazieren geht, ein behinderter Junge, der mit seiner Mutter auf dem Weg zur Schule ist, der Pizzabäcker an der Ecke.

Antonello Grimaldi, ursprünglich Schauspieler und Regisseur von TV-Filmen, beschreibt die Entwicklung dieser Beziehungen mit leisen Gesten, er erzählt in Bildern, weniger mit Worten. Schnelle Kamerafahrten und -schwenks vermitteln das anfängliche Chaos und Nichterkennen der Umgebung, später bleibt der Blick hängen, fokussiert die Gesichter, fängt Umarmungen ein, die mit Pietros Teilnahme am Schicksal anderer zunehmen. Denn er, der nicht mehr zur Arbeit kommt, wird zur Außenstelle und zu einer Art Beichtvater. Die, die ihm zunächst verständnisvoll eine Trauerfrist einräumen und später zum Spinner deklarieren, bitten ihn schließlich um Rat in Lebensfragen.

"Stilles Chaos" lehnt sich eng an den Roman von Sandro Veronesi an, der monatelang auf den italienischen Bestsellerlisten stand. Die Drehbuchschreiber, darunter Moretti und Grimaldi, haben Veronesis literarisch subversive Sprache in eine poetische Filmsprache transformiert, untermalt mit der melancholischen Musik von Paolo Buonvino. Der Tod eines geliebten Menschen ist nicht das Thema, dazu bleibt die Verstorbene zu fremd. Es geht ums Weiterleben, um Freundschaft, Eifersucht, Karriere und was man bereit ist, dafür zu tun. Und das zwar nicht immer schlüssig - eine obsessiv gewaltvolle Sexszene etwa fällt komplett aus dem Erzählfluss -, aber spannend und ausdrucksstark erzählt.
 

Eva Maria Schlosser

29.01.2009 - aktualisiert: 29.01.2009 10:52 Uhr

 


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