Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.02.2009
Gaubensfrage
Man kann sich nie ganz sicher sein
Ein Epochenwandel lässt die Nonne Schwester Aloysius und den Priester Flynn kollidieren: Sie ist die gestrenge Leiterin einer katholischen Schule in der Bronx und fürchtet nichts mehr als die Abkehr von Furcht und Disziplin, wie sie der beliebte Geistliche verkörpert - also hängt sie Flynn einen ungeheuerlichen Vorwurf an.
John Patrick Shanley hat sein erfolgreiches Broadway-Stück selbst für die Leinwand adaptiert und die Vorzüge des Mediums genutzt: In den spitzfindigen Auseinandersetzungen dieses Kammerspiels kommt es auf Nuancen an, und die Kamera fängt Mimik und Tonfall der Kontrahenten aus nächster Nähe ein. Ganz leicht nur zieht Meryl Streep ihre Mundwinkel nach unten, drapiert kaum wahrnehmbare Zornesfalten unter ihre Haube und wird eins mit der hochgeschlossenen Pinguintracht - ein wandelndes Ebenbild der geistigen Enge, die ihre Figur mit allen Tricks verteidigt. Philip Seymour Hoffman ("Capote") hält dagegen als lebenslustiger Mann, der für Weltoffenheit streitet und der den Talar mit Leichtigkeit trägt, als wäre er nur noch Folklore. Zwischen diesen Fronten stürzt Amy Adams ("Junebug") als naive junge Nonne in einen existenziellen Zwiespalt: Als Menschenfreundin möchte sie dem Pater glauben, als schwache Befehlsempfängerin aber kann sie sich der manipulativen Kraft der Schwester kaum entziehen.
Beklemmend und düster wirken die Schule und die Kirche, in der Flynn über üble Nachrede referiert. Shanley illustriert sie an einem aufgeschlitzten Kissen, dessen Federn nie wieder alle eingesammelt werden können, wenn sie einmal aus dem Fenster geflogen sind. Der Priester und seine klerikalen Männerkumpane aber speisen und lachen in kleiner Runde an großer Tafel, während die Nonnen züchtig schweigend am Katzentisch ein bescheidenes Mahl zu sich nehmen. Und die todschick kostümierte Mutter des ersten schwarzen Jungen auf der Schule lässt Aloysius in ihrem Mittelaltergewand ganz schön alt aussehen.
Was bleibt, ist der Zweifel, nach dem das Stück im englischen Original benannt ist ("Doubt"), und die Gewissheit, dass man sich nie sicher sein kann.
Bernd Haasis
05.02.2009 - aktualisiert: 05.02.2009 11:37 Uhr