Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.02.2009
Frost/Nixon
In jeder Geste Allmachtswahn
Richard Nixon ist als bislang einziger US-Präsident zurückgetreten, und das auch nur, weil ihm ein Amtsenthebungsverfahren drohte - die sogenannte Watergate-Affäre, der Missbrauch von Regierungsvollmachten etwa zur Bespitzelung des politischen Gegners, wurde ihm zum Verhängnis. Nixon verließ das Weiße Haus im August 1974 ohne ein Wort der Reue oder der Entschuldigung; erst drei Jahre später brachte ihn der britische TV-Moderator David Frost dazu, spektakuläre Aussagen zu machen. Der Autor Peter Morgan hat daraus das Theaterstück "Frost/Nixon" gemacht, das 2006 in London uraufgeführt wurde. Regisseur Ron Howard ("A Beautiful Mind") hat es nun verfilmt.
Es ist die Geschichte eines Zweikampfes, in dem nur einer siegen kann, und in dem Nixon zunächst die Nase vorn zu haben scheint. Denn Frost ist kein politischer Journalist, sondern ein Mann fürs Populäre, der bunte Shows leitet - und einer, der lieber das Dasein genießt, als sich wochenlang mit seinem dreiköpfigen Beraterteam einzuschließen. Dabei hat er viel von seinem Privatvermögen bezahlt für die Interviews, die bisher kein Sender haben will. Und Frost unterschätzt seinen Kontrahenten, wie sich bald zeigt.
Bei keinem Thema lässt der Ex-Präsident sich stellen. Er spricht Emotionen an, gibt sich als aufopfernde Vaterfigur für die kleinen Leute, und selbst beim Thema Vietnamkrieg argumentiert er noch überzeugend mit dem nationalen Wohl. Parallel verunsichert Nixon Frost durch perfide Sticheleien jenseits der Kamera ("Finden Sie nicht, dass Ihre italienischen Schuhe zu feminin wirken?"), und der Fernsehmann macht keinen Stich - bis, wie vereinbart ganz zum Schluss, Watergate zur Sprache kommt.
Ron Howard, sonst ein Mann fürs Opulente, zeigt hier, dass er auch das Kammerspiel beherrscht. Aus nächster Nähe schaut er zu, wie Frosts Beraterrunde recherchiert, Strategien entwirft und wieder verwirft, und er hat den Interviews einen so stimmigen Rhythmus gegeben, dass sie live kaum spannender sein könnten. Frank Langella, der Nixon schon auf der Bühne gespielt hat, ist ein Glücksfall: In jeder seiner arroganten Gesten, in jeder hochgezogenen Augenbraue schwingt all das mit, was den echten Nixon zu Fall gebracht hat: mangelnde Einsicht, Realitätsverlust, Allmachtswahn, fehlender Respekt vor Staat und Bürgern. Und doch gelingt es diesem Mann, selbst einen eingefleischten Feind und Bürgerrechtler allein durch seine Präsenz einzuschüchtern.
Grandiose Zurschaustellung hilfloser Schwäche
Michael Sheen, erstklassig kostümiert als 70er-Jahre-Dandy mit Föhnfrisur, gepunkteter Krawatte und blauem Satin-Pyjama, hat dem wenig mehr entgegenzusetzen als ein abwesendes Dauerlächeln, das mitunter deplatziert wirkt und dem echten David Frost nicht ganz gerecht wird. Am Ende ist es Langellas grandiose Zurschaustellung hilfloser Schwäche, die Howards Film zu einer Punktlandung führt: Er demonstriert eindrücklich, wieso dieses Gespräch als eines der wichtigsten politischen TV-Interviews aller Zeiten gilt.
Bernd Haasis
05.02.2009 - aktualisiert: 05.02.2009 12:38 Uhr