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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 26.02.2009

Der Vorleser

Punktlandung verspielt

Bernhard Schlink erweckt in seinem Roman "Der Vorleser" eine unmögliche Liebe zu glaubhaftem Leben: In den 50er Jahren gerät der Schüler Michael an die rätselhafte Mittdreißigerin Hanna, die sich Weltliteratur vorlesen lässt und ihn in die Liebe einführt. Stephen Daldry ("Billy Elliott") ist es im Kern gelungen, den Geist von Schlinks Erzählung ins Kino zu transferieren - dank einer großartigen Kate Winslet, mit der er sich erst nach Versuchen mit Nicole Kidman und Cate Blanchett einig wurde.

Nun hat sie dafür einen Oscar bekommen, zu Recht: In jedem Augenblick lässt sie im Tun ihrer Figur das später sich offenbarende Drama vorausahnen. Eigentlich viel zu attraktiv für die Rolle, eignet sie sich bis in die kleinste Geste jene mechanische Grobheit an, die Schlink bildhaft beschreibt, und wird dahinter unsichtbar - wenn sie den Jungen mit harter Hand in der Wanne abseift, wenn sie ihn brüsk abkanzelt. Nur dosiert gönnt sie ihm Nähe, immer signalisierend: Dies ist auf Zeit! Und so sehr es ihr an geistiger Tiefe und Einfühlungsvermögen zu mangeln scheint, so hell erstrahlt sie im Licht der Worte großer Dichter und saugt jede Silbe auf, die der Junge vorliest. In Hannas ganzer Welt steckt Schlinks Gespür für Details, Daldry hat sie in ein abgewracktes Nachkriegsloch gesetzt, in dessen Zentrum die Badewanne steht.

David Kross ("Knallhart") schlägt sich wacker als tapsiger jugendlicher Liebhaber, der einer Leidenschaft verfällt, die ihn als Trauma lange begleiten wird. Lange kann er nichts mit hübschen gleichaltrigen Mädchen anfangen, und später als Jurastudent im Gerichtssaal wird er mit einer dunklen Vergangenheit konfrontiert, die ohne Reue bleibt. Schlink bringt die Frage nach der Schuld der Befehlsempfänger in Nazi-Deutschland auf den Punkt, der Film weitet den Blick, zeigt einen Jura-Professor (Bruno Ganz), der sich in den 1960er Jahren mit widerwilligen Studenten an einer Aufarbeitung versucht.

Wäre es dabei geblieben, hätte es auch im Kino nach 90 Minuten zur Punktlandung kommen können; doch es wurde eine Rahmenhandlung aufgepfropft, in der Ralph Fiennes als erwachsener Michael mit sich und der Vergangenheit ringt, begleitet von Klavierkitsch. Ständig sucht die Kamera in seinem Gesicht bleibenden Schmerz, während der die einst gelesenen Werke zu Tode zitiert, sie auf Kassetten spricht und ins Gefängnis schickt. Irritierende Akzente im englisch gedrehten Original wird die Synchronisation wegfegen, folkloristische Irrungen (Dirndl) kann man ignorieren - die Rahmenhandlung aber trübt den Gesamteindruck.

Was bleibt, ist die über allem schwebende Frage, ob Hanna zu retten gewesen wäre, wenn sie früher große Literatur hätte kennenlernen dürfen.
 

Bernd Haasis

26.02.2009 - aktualisiert: 26.02.2009 10:54 Uhr

 


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