Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.03.2009
Gran Torino
Läuterung eines Misanthropen
Ein grimmiges Knurren - das ist, neben derben Flüchen, Walt Kowalskis bevorzugte Reaktion auf seine Umwelt. Er lebt in Detroit, hat früher in einer Autofabrik gearbeitet, ist gerade Witwer geworden und voller Groll. Seinen neuen, aus Vietnam stammenden Nachbarn begegnet er mit Abscheu, Asiaten hasst der Korea-Veteran ohne Unterschied, im Grunde aber alle Menschen. Den jungen Priester etwa, der sich um ihn kümmern will, seinen Sohn und dessen Frau, die ihn ins Altenheim verfrachten wollen, und seine Enkelin, die ungeniert auf ein Erbe spekuliert: Walts Ford Gran Torino Baujahr 1972, neben seinem Hund das Einzige, was sein Herz noch erwärmt.
Ausgerechnet den prächtigen Straßenkreuzer soll der Nachbarjunge Thao (Bee Vang) als Mutprobe klauen, um in die Gang seines Cousins Spider aufgenommen zu werden. Der Diebstahl scheitert, Thao wird kurz darauf von Spiders Gesellen verprügelt. Nur weil dies in seinem Vorgarten geschieht, verscheucht Walt die Gang mit vorgehaltener Knarre. Für seine Nachbarn aber ist er nun ein Held, sie überhäufen ihn mit Geschenken, die er zunächst barsch ablehnt. Erst Thaos Schwester Sue (Ahney Her) gelingt es mit viel Beharrlichkeit, Walts abweisende Schale zu knacken: Sie bringt ihn dazu, die Absurdität seiner Vorurteile zu erkennen. Eine tiefe Freundschaft entwickelt sich schließlich zum schüchternen Thao, der für Walt zu einer Art Ersatzsohn wird.
Eastwood erhält demnächst beim Cannes-Festival die Goldene Palme für sein Lebenswerk, und wie zur Bestätigung seiner Produktivität lässt der 78-Jährige nur zwei Monate nach "Der fremde Sohn" nun "Gran Torino" folgen, in dem er erstmals seit vier Jahren wieder Regie und Hauptrolle vereint hat. Die späte Läuterung eines Misanthropen schildert er darin souverän ausbalanciert zwischen Ironie und Tragik, wobei die exzellente Besetzung manche kleine Schwäche verdeckt. So bleibt etwa Walts immer nur angedeutetes Korea-Trauma viel zu vage, um seine tief sitzende Verbitterung und damit auch seine Läuterung plausibel zu machen. Dass man diese Plausibilität dennoch nur selten vermisst, liegt womöglich daran, dass die Figur aus früheren Eastwood-Filmen vertraut scheint: Walt erinnert an eine gealterte Karikatur des zur Selbstjustiz neigenden Cops "Dirty Harry" Callahan, auch wenn Eastwood selbst jede beabsichtigte Gemeinsamkeit bestreitet.
Das mag man glauben oder nicht, wie eine raffinierte Dekonstruktion Callahans erscheint allein der Schluss: Erst dadurch, dass sich Walt bewusst vom Subjekt zum Objekt der Selbstjustiz macht, können die kriminellen Gangmitglieder in den Griff des Gesetzes gelangen. Dirty Harry hat ausgedient.
Oliver Stenzel
05.03.2009 - aktualisiert: 05.03.2009 10:34 Uhr