Pforzheim - Beleidigungen, Schmähungen, ein nächtlicher Aufmarsch: Mitschüler ekelten einen 17-jährigen Juden von der Schule. Der Fall aus Pforzheim löst weit über die Stadtgrenzen hinaus Betroffenheit aus.
Das Schulgebäude wirkt verlassen. Später Nachmittag. Alles aufgestuhlt; es wird geputzt. Die Zimmer sind leer - bis auf eines, das von Siegbert Sonnenberg, Direktor des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Pforzheim. Sonnenberg öffnet die Tür und bedeutet dem Gast: "Einen Moment bitte noch!" Das Telefon! Ein Gespräch mit dem Kultusministerium; und in einer halben Stunde steht schon die nächste Besprechung an.
Ob er da ist? Die Frage hat sich erübrigt. Sonnenberg ist eigentlich immer da. Auch die Faschingsferien hat er in der Schule verbracht. Er war ihm nicht nach Ferien zumute. Er wollte arbeiten, vor allem Aufarbeiten. Der Fall des 17-jährigen jüdischen Schülers, der von Mitschülern drangsaliert und massiv eingeschüchtert worden ist, nimmt ihn vollständig in Beschlag.
Staatsschutz, Polizei, Anwälte, die jüdische Gemeinde, Lehrerkollegen, Eltern, Schüler, Presse - Sonnenberg führt endlos Gespräche. Er versucht aufzuklären, versucht zu verstehen, was geschehen ist, er versucht, den Frieden an seiner Schule wiederherzustellen. Der 56-Jährige hat sich entschlossen, das möglichst offensiv und offen zu tun, wie es dem humanistischen Geist seiner Schule entspricht.
Dass hier vereinzelt auch Ungeist herrscht, offenbar unbemerkt von Lehrern und Schulleitung, dass das "Kepler", wie das Gymnasium kurz heißt, durch das üble Verhalten einiger Schüler jetzt traurige Bekanntheit erlangt, bedrückt ihn sichtlich. "Man denkt immer, so etwas kommt nur in sozialen Brennpunkten vor", sagt Sonnenberg ratlos. "Aber doch nicht hier." Nicht hier am "Kepler", wo man auf Weltoffenheit achtet, wo in den Fluren Infos und Zeitungsausschnitte über Austauschprogramme hängen, wo prominent für den Integrationspreis der Bundesregierung geworben wird und für einen Afrika-Tag am 23. Juni.
Eine Schule, die vorbildlich sein will und vielfach schon ist. Aus jedem Wort ihres Leitbildes spricht Toleranz und Respekt. Das beginnt in Jahrgangsstufe fünf. "Elternabend mit Kripo Pforzheim zum Thema Gemeinschaft/Gewaltprävention", steht am Schwarzen Brett. Wie jedes Jahr.
"Eine gute Schule", sagt Rami Suliman, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Pforzheim, die 430 Mitglieder hat. Einer davon ist der 17-Jährige aus dem Kepler-Gymnasium. Im Alter von vier Jahren ist er mit seinen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Pforzheim gezogen. Hier ist seine Heimat. Hier wohnen seine Freunde - aber auch diejenigen, die ihn zuletzt massiv drangsalierten, weil er Jude ist.
Beschimpfungen gegen Juden kämen immer wieder vor, sagt Suliman, der Gemeinevorsitzende: "Aber nicht so etwas." Keine solche rohe Tat, wie in der Nacht des zweiten Weihnachtsfeiertages. Was sich damals ereignete, ist inzwischen offenbar weitgehend rekonstruiert. Eine Gruppe Schüler, davon neun aus der Jahrgangsstufe des 17-Jährigen, zog nach einer Geburtstagsfeier, teils stark alkoholisiert, vor das Haus des jüdischen Jungen in Niefern-Vorort. Ein übles Schauspiel begann: Antijüdische Parolen wurden gebrüllt, gegen das Zimmerfenster des Jungen flogen Knallkörper, einige der Halbwüchsigen urinierten. Ein Anschlag auf die Würde. Angsterfüllt alarmierte die Familie die Polizei.
Für den jüdischen Jungen, den der Schuldirektor als "Top-Schüler" beschreibt, war dieses Erlebnis so einschneidend, dass er sich entschloss, das "Kepler" zu verlassen. Als er dem Direktor nach einigem Zögern von dem Vorfall erzählte, reagierte dieser zutiefst geschockt. Die weitgehend heile Welt des "Kepler" war plötzlich zerbrochen.
Sonnenberg bohrte nach und fand heraus, dass der nächtliche Übergriff eine Vorgeschichte hatte. Seit längerem schon hatten sich einige Mitschüler auf den 17-Jährigen als Opfer eingeschossen. Sonnenberg kannte die Schüler seit sieben Jahren. Er war im gleichen Jahr wie die heutigen Elfer an die Schule gekommen. Aber er hatte nichts bemerkt, so wenig wie die anderen Lehrer.
Am "Kepler" ist für die mutmaßlichen Täter kein Platz mehr. Einer von ihnen hat sich bereits von der Schule abgemeldet, gegen die anderen hat Direktor Sonnenberg entsprechende Schritte eingeleitet. In der kommenden Woche will sich die Lehrerkonferenz mit dem Ausschluss befassen. Unabhängig davon wird das Thema die Schule noch lange und intensiv beschäftigen. Ein ganzes Bündel von Maßnahmen ist geplant. Die Interventionsgruppe Big Rex des Landeskriminalamtes, die üblicherweise Rechtsextreme zum Ausstieg aus der rechten Szene bewegen soll, wird mit den Jugendlichen über das Thema Rechtsextremismus reden. Außerdem werden Lehrer speziell geschult; ein pädagogischer Tag ist angedacht, und die Landeszentrale für politische Bildung will am "Kepler" nach den Sommerferien ein Pilotprojekt starten. Darüber hinaus gibt es das Angebot der jüdischen Gemeinde, mit einer Religionslehrerin und jüdischen Schüler am Kepler-Gymnasium über jüdisches Leben zu informieren.
Trotz aller Bemühungen um Umsicht gehen die Emotionen hoch. Das zeigt ein Vorfall, von dem die Pforzheimer Polizei am Donnerstag berichtete. Demnach flogen Eier gegen ein Auto und gegen ein Haus, in dem einer der mutmaßlichen Täter wohnt.