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StN-Reihe Über Kunst

"Medienkunst ist die reinste Kunst"

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Peter Weibel
Foto: Kraufmann

Stuttgart - Innovation heißt das Stichwort, das sich als roter Faden durch den Abend zieht. Peter Weibel, Kurator, Medientheoretiker und Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) ist Gast in der Reihe "Über Kunst" unserer Zeitung.

Mehr als 100 Besucher sind am Mittwochabend in die Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart gekommen. Sie kennen den jüngst 65 Jahre alt gewordenen Peter Weibel als Grenzgänger zwischen Kunst, Kuratorium und Theorie und als Verfechter der zeitgenössischen Avantgarde. Hier setzt Moderator Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung, an: bei den verschiedenen Rollen, die Weibel im Kunstbetrieb bislang innehatte, bei seiner Einschätzung des Avantgardebegriffs aus heutiger Sicht.

Die Rolle des Künstlers, sagt Weibel, in den 1960er Jahren Mitbegründer des Wiener Aktionismus, sei für ihn immer mit den größeren Nachteilen behaftet gewesen. Und der Theoretiker Weibel? Sei im Zuge einer "Selbstverteidigung der Kunst" gefragt gewesen, antortet der in Odessa Geborene.

Spielraum für Avantgarde und Innovation sieht er heute vor allem in seiner Rolle als Kurator: "Innovation zeigt sich auch daran", so Weibel, "dass man die Qualität eines Künstlers schon früh erkennt". Beispiele aus seiner Praxis kann Weibel dafür viele nennen - insbesondere solche, die von der Öffentlichkeit zunächst ignoriert wurden.

Da gibt der Kunstexperte dem ehemaligen sowjetischen Staatschef Gorbatschow Unrecht: "Wer zu früh kommt", sagt Peter Weibel, "den bestraft das Leben". Als Museumsmacher sieht er sich in der Rolle des Avantgardisten, der durch Früherkennung später bedeutende Kunstwerke zu erschwinglichen Preisen erwirbt.

In Karlsruhe zeigt Weibel derzeit mit "Notations" eine Ausstellung mit Werkstattcharakter. Bei "Über Kunst" nimmt er dies zum Anlass, den Werkbegriff generell neu zu beleuchten und vergleicht das Verhältnis zwischen Werk und Interpretation in der Bildenden Kunst mit dem in der Musik und dem Theater. Experiment schließt Besucherinteresse nicht aus, unterstreicht Weibel und verweist auf jährlich 220.000 Besucher im ZKM. Eine Zahl, die sicher auch Rückendeckung für die Zusammenarbeit mit Sponsoren gibt. Über dieses wird die Zusammenarbeit mit Fachkräften aus Soziologie, Politologie, Kunstgeschichte und anderen Disziplinen betreut. Weibel: "Ich muss im Jahr immerhin zwei Millionen Euro auftreiben".

Im Gegensatz zu herkömmlichen Museen muss das ZKM zudem versuchen, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten - das heißt: Ersatzteile müssen auf Vorrat eingekauft werden, da ihre Lieferbarkeit nicht lange gewährleistet ist. Zugleich steht das Zentrum in der Erwartung der Politik zwischen den Anforderungen der Produktentwicklung und der Publikumswirksamkeit.

Leicht hat es Peter Weibel dabei nicht immer. Speziell in Deutschland beklagt er eine gewisse Rückwärtsgewandtheit und "Forschungsblindheit". Zwar liege Baden-Württemberg in deutschen Vergleich im Bereich Forschung weit vorne, Deutschland insgesamt jedoch bleibe im internationalen Vergleich weit hinten: "Man ist blind für die Innovation". Als Beispiel führt er die Entwicklung "randomisierter Suchprogramme" im Internet an.

Herkömmliche Suchmaschinen vergleicht er mit einer "kartesischen Biene", die das Fenster, das sie durchfliegen möchte, systematisch absucht und zuletzt stirbt. Weibels randomisierte Fliege dagegen stößt von der Scheibe ab, in den Raum hinaus, zufällig auf die Scheibe zurück, und hat eine größere Chance. Um Modelle zu entwickeln, die ein "Lernen von Lebewesen" systematisieren, sind jedoch kostenintensive Forschungen notwendig - Filme müssen erstellt werden, Mathematiker und Biologen herangezogen werden.

Wie wird sich das Internet auf die künstlerische Produktion auswirken? "Auf jeden Fall verändernd". Weibel zitiert Siegmund Freud. "Die Schrift ist das Medium der Absenz", schrieb dieser 1930 - und Weibel schließt daraus, alle Medien seien Mittel zur Überwindung von Distanzen, seien "Teletechnik". Er hält Rückblick auf die Entwicklung der Vorstellung eines autonomen Kunstwerkes nach 1900 und sieht vor allem für diesen Begriff der Autonomie einschneidende Veränderungen voraus. Dabei stützt er sich auch auf Theoretiker wie Niklas Luhmann und dessen These "Das System hat andere Eigenschaften als seine Teile".

Dass er immer für eine Überraschung gut ist, beweist Weibel mit einem Votum für den Handlungsspielraum eines Galeristen. Er möchte Kunstwerke verkaufen und in Zahlung geben können, um neue Werke einzukaufen. "Ich würde gerne Schulden machen dürfen", sagt er - alles zum Wohle der zeitgenössischen Kunst. Einer Kunst, die, wenn sie elektronische Medien nutzt, durch deren Vergänglichkeit immer vom Verschwinden bedroht ist. Für Peter Weibel wird daraus ein Argument für ebendiese Kunst. "Die Medienkunst", sagt er, "ist in Wirklichkeit die reinste Kunst".
 



Thomas Morawitzky

12.03.2009 - aktualisiert: 12.03.2009 18:43 Uhr




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