Drucken Versenden

Passives Mitglied

Amokläufer trainierte nur zweimal im Schützenverein

Detlef Lindacher holt eine Sportpistole aus dem Tresor
Foto: Eppler

Hat Tim K. beim Schützenverein mit seiner späteren Tatwaffe geübt? Nein, sagt der SSV Leutenbach, der Junge war ein passives Mitglied und hat laut Protokoll nur einmal im Herbst 2008 mit der Waffe des Vaters geschossen. Drei Wochen vor dem Amoklauf durfte Tim K. allerdings nochmals mit einer Pistole schießen - ohne Protokoll.

"Der Jugendliche hat in unserem Verein nur einmal im Beisein seines Vaters mit einer Neun-Millimeter-Pistole schießen dürfen", sagt Detlef Lindacher. Das sei im Oktober 2008 gewesen und "in unseren Unterlagen eindeutig schriftlich dokumentiert", betont der Vorsitzende des SSV Leutenbach.

Nach Informationen dieser Zeitung hat Tim K. allerdings noch ein weiteres Mal mit einer schweren Pistole geschossen - und zwar nur drei Wochen vor dem Amoklauf. Dafür gibt es offenbar einen Zeugen, der über jeden Zweifel erhaben wäre. Warum es über dieses zweite Schießen von Tim K. keinen vorschriftsmäßigen Eintrag im Schießbuch gibt, ist unklar. Auch über die Rolle des Vaters herrscht noch Unklarheit: War der erfahrene Pistolenschütze Jörg K. am fraglichen Tag im Februar 2009 nur ein Schütze unter vielen - oder fungierte er als Aufsichtsperson am Schießstand?

"Eines steht für mich fest: Bei uns hat der Junge nicht das Schießen gelernt", sagt Lindacher. Zumal zwischen der Fähigkeit zum Schießen und der Fähigkeit zu Töten doch noch Welten lägen. Den Umgang mit der Pistole vom Typ Beretta habe sich der Junge vielleicht zu Hause abgeschaut, mutmaßt der Vereinsvorstand. Zielsicherheit könne man auch mit Softair-Pistolen trainieren - von denen Tim K. offenbar einige besaß -, und die Wirkung von tödlichen Treffern auf Menschen werde doch in Computerspielen simuliert, gibt Lindacher zu bedenken.

Das Gespräch mit dieser Zeitung ist das erste Interview nach dem Amoklauf am Mittwoch, das der Vorsitzende des SSV Leutenbach einer Zeitung gibt. Ansonsten will der 48-Jährige lieber schweigen: Er befürchtet, dass sein Verein in den Medien falsch oder verzerrt dargestellt wird.

Vorigen Freitag beispielsweise hatte eine Boulevard-Zeitung ein halbseitiges Bild unter der Überschrift "Die kranke Welt des Killers" veröffentlicht. Im Bildtext stand: "Da war er erst 10! Das Auge am Visier, den Finger am Abzug: Früh lernte Amokläufer Tim K. den Umgang mit Waffen." Doch das Foto zeigte einen anderen, unbeteiligten Jungen. "Wir haben vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung erwirkt", berichtet Roland Mayer, Vorstand des Schützenbezirks Stuttgarts. Das Boulevard-Blatt habe dem Jungen bereits Schadenersatz angeboten.

Tatsache ist jedoch, dass Jörg K. Mitglied beim SSV Leutenbach ist, dass er darum in seinem Haus legal 15 Waffen aufbewahren durfte - eine Anzahl, die selbst Lindacher und Mayer "ungewöhnlich" nennen - und dass die Beretta und zumindest ein Teil der Munition, mit der Tim K. 15 Menschen und sich selbst getötet hat, aus dem Besitz des Sportschützen stammten.

Lindacher akzeptiert diese Zusammenhänge. Umso mehr will er zeigen, dass man es beim SSV Leutenbach ernst nimmt mit der Verantwortung für Waffen. 158 Mitglieder hat der 1959 gegründete Verein, darunter 30 Jugendliche. Bevor die Jungen zum ersten Mal auf einer der 14 Luftgewehr-Bahnen anlegen, werden sie in Sicherheit und Umgang mit einer Waffe geschult, erklärt der Vorstand. Zwölf Jahre sind das Mindestalter, ergänzt Mayer, mit ärztlichem Attest dürfen auch Zehnjährige schießen.

Lindacher schließt die drei Schlösser in der Stahltür zur Waffenkammer auf. "Nur eigens geschulte Schützen haben dazu einen Schlüssel", sagt er. Hinter der Stahltür stehen drei Tresore. Dazu benötigt man weitere Schlüssel. Im ersten Tresor lagern Luftgewehre, im zweiten das Kleinkaliber und im dritten die sogenannten Gebrauchspistolen. Lindacher holt einen Revolver 357 Magnum aus dem Stahlschrank. "Wer damit schießen will, muss zuvor zwölf Monate Luftgewehr und zwölf Monate Kleinkaliber nachweisen", sagt er.

Die zehn Pistolenschießstände liegen hinter dem Haus, eingefügt in einen ehemaligen Steinbruch. Sportschützen wie Jörg K. dürfen hier auch ihre eigene Waffe mitbringen. Die Voraussetzungen für eine Waffenbesitzkarte sind streng und werden vom Schützenverband und den Behörden regelmäßig überprüft. "Im Mittelpunkt steht die Zuverlässigkeit des Schützen", sagt Mayer. Lindacher ist seit zehn Jahren Vorstand. Zwei Männern hat er seitdem den Waffenbesitz verweigert, weil er Zweifel an ihrer Persönlichkeit und ihren Motiven hatte. Bei Jörg K. sah er keinen Anlass dazu.

Der Verein hat sich "schockiert und bestürzt" über das Verbrechen geäußert. "Im Grunde müssen wir das schreckliche Ereignis aber selbst noch verarbeiten", sagt Lindacher. Er lebt in Leutenbach, kennt die Eltern von zwei ermordeten Kindern persönlich und hat selbst eine Tochter im Alter der Opfer. Schmerz und Trauer drohen ihn manchmal zu überwältigen - auch darum scheut der 48-Jährige die Öffentlichkeit.

"Auch mir sind die Motive des Jungen ein Rätsel", sagt der Vorstand. "Ob man bei uns im SSV Leutenbach weiterführende Antworten auf diese Wahnsinnstat findet, wage ich derzeit zu bezweifeln." Lindacher ist seit 35 Jahren Sportschütze. Seit dem Amoklauf denkt er auch ans Aufhören.
 

Michael Isenberg

15.03.2009 - aktualisiert: 15.03.2009 18:55 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise