Berlin - "Die Linke muss die Gesellschaft stärker erziehen", sagt Peter Sodann. Der Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsident schreckt dabei auch nicht vor Kritik an Amtsinhaber Horst Köhler zurück.
Herr Sodann, wie viel Linkspartei steckt im Kandidaten Sodann - und wie viel Sodann in dem Kandidaten?
Von Sodann steckt 100 Prozent in dem Kandidaten der Linken. Und es stecken etwa 90 Prozent Linkspartei in Sodann. Für 100 Prozent reicht es nicht ganz. Nach meinem Geschmack gönnt sich die Linkspartei noch zu viele interne Streitereien und Flügelkämpfe. Das lenkt zu sehr von den wirklich wichtigen Dingen ab.
Gehört das nicht zu einer Partei, dass es Flügel gibt, die sich streiten?
Für meine Begriffe nicht. Sie sollte sich einig sein, welches Menschenbild sie anstrebt.
Sie beklagen sich, dass die eigene Partei Sie nur als Klamauk-Kandidaten darstellt.
Den Klamauk-Kandidaten haben andere aus mir machen wollen, die mich missverstanden haben. Ich sag anderen meine Meinung gern mit einem heiteren Unterton, damit lässt sich besser streiten. Aber das macht mich nicht zum Klamauk-Kandidaten. Wenn das im politischen Berlin falsch ankommt, ist das nicht mein Problem.
Nehmen Sie Ihre Kandidatur ernst?
Ich nehme mich sehr ernst, und die Politik ist mir ernst.
Oder sind Sie für den normalen Politikbetrieb ein zu schräger Vogel?
Möglichweise bin ich in der Politik so etwas wie eine Wundernudel, weil ich das Imponiergehabe nicht ausstehen kann. Wir leben in einem Land der gegenseitigen Schuldzuweisung und der Verantwortungslosigkeit. Ich möchte auf einem anderen Weg an der Zukunft arbeiten - mit mehr Freundlichkeit und weniger Aufhetzerei. Es ist doch nicht zu verstehen, dass Bundespräsident Köhler Beifall bekommt, wenn er die Banker Monster nennt, die sich läutern müssten, während ich Dresche beziehe, wenn ich sage, man könnte auch Herrn Ackermann einsperren. Wenn US-Vizepräsident Joe Biden sagt, verantwortungslose Manager gehören in den Knast, ist das noch viel härter.
Was lernen Sie aus der Wirtschafts- und Finanzkrise noch?
Die Regierung investiert Milliarden, dass alles so bleibt, wie es ist, und redet sich das gesund. Aber bezahlen muss das der Bürger mit seinen Steuern. Nebenbei beschließt die Politik, Betriebe zu verstaatlichen, will das aber rückgängig machen, sobald das wieder möglich ist. In der Regierung herrscht ein großes Wirrwarr. Ich stehe einer Planwirtschaft näher als einer freien Marktwirtschaft. Denn wenn die einen Menschen nicht das bekommen, was andere bekommen, entsteht Neid und Ungerechtigkeit. Brauchen wir alle ein Schloss?
Aber der, der das Schloss hat, hat mit einer Idee und seinem Geld Werte und Arbeitsplätze geschaffen - was haben Sie gegen das Unternehmertum?
Woher hat der Schlossherr denn das Eigentum? Einer seiner Vorfahren hat es in grauer Vorzeit einem anderen genommen und für sich Kapital daraus geschlagen. Einem Fabrikbesitzer gehört die Fabrik nicht wirklich, sondern den Arbeitern, die dort Werte schaffen und Geld verdienen. Ich rege mich ja nur deshalb so auf, weil so viele Menschen hungern, während andere im Überfluss leben.
Sie halten den Sozialismus für die überlegene Gesellschaftsform?
Mir ist es gleich, wie wir es nennen, um mehr Gerechtigkeit zu bekommen und die Menschen gebildet und kulturvoll zu erziehen. Der Sozialismus ist genauso ein Experiment wie in der Physik oder in der Chemie. Dass es ein paar Mal schiefgegangen ist, heißt doch nicht, dass es nicht besser, durchdachter und ausgefeilter geht.
Weiß die Linkspartei besser, wie wir aus der Krise herauskommen, oder nur besser, wer an ihr schuld ist?
Es geht doch nicht um Schuldzuweisungen. Aber das, was wir jetzt haben, sollte sich niemand gesundbeten - und schon gar nicht sollten wir abwarten, ob nicht alles so bleiben kann.
Horst Köhler wird vor der Wahl des Bundestagspräsidenten eine Rede zur Wirtschafts- und Finanzmarktkrise halten. Ist das bitter notwendig?
Nein, es ist scheinheilig. Er hätte schon längst etwas sagen müssen, schon als er sein Amt angetreten hat. Horst Köhler ist der Finanzexperte, er war Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und beim IWF. Er hätte erst Kanzler Schröder und später Kanzlerin Merkel darauf aufmerksam machen müssen, dass hier etwas gehörig schiefläuft und verheerend auf uns zukommt. Wenn niemand etwas wusste - er hätte es wissen müssen, oder er hat seine Ämter verschlafen.
Warum wollen Sie Präsident werden?
Ein Bundespräsident ist der Präsident aller Deutschen, er sollte sich auch für alle einsetzen. Auch Horst Köhler sollte mehr sein als nur ein Diener der Regierung. Als Präsident würde ich zwei Dinge ändern. Artikel 1 unseres Grundgesetzes bestimmt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich würde diese Würde einklagen, wenn sie einer alten Dame irgendwo abgesprochen würde. Zweitens würde ich mich mehr einmischen, wenn das Parlament jahrelang über eine Steuerreform streitet und nichts dabei herauskommt.