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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 19.03.2009

Slumdog Millionär

Von scharf verkanteten Kontrasten

Indien ist Musterland der Gegensätze: Milliardäre neben Bettlern, IT-Cracks neben Analphabeten, märchenhaften Paläste neben Zivilisationskloaken. Diese Widersprüche hat der Engländer Danny Boyle ("Trainspotting") in "Slumdog Millionär" zu einer Parabel auf den globalisierten Wahnsinn verdichtet.

Das Gossenkind Jamal aus Mumbai hat einen Lauf in der TV-Quiz-Show "Wer wird Millionär", die in über 100 Ländern läuft und in Indien von den Filmstars Amitabh Bachchan und Shah Rukh Khan moderiert wurde. Im Film spielt diese Rolle Anil Kapoor, der mit seinem Kandidaten spielt, ihn bloßstellt und auf falsche Fährten zu locken versucht. Doch Jamal weiß die Antworten, schöpft aus dem reichen Erfahrungsschatz derer, die unter schwersten Entbehrungen trotzdem groß geworden sind. Die Polizei glaubt an Betrug, verhaftet und verprügelt ihn, aber gibt ihm doch die Chance, die zu den Fragen passenden Geschichten zu erzählen.

Rückblenden sind es also, in denen die Zuschauer den kleinen Jamal kennenlernen, der im Slum aufwächst. Seine Mutter wird bei einem Pogrom von einem religiös aufgeladenen Mob erschlagen, er flieht mit seinem Bruder Salim und der auch zur Waise gewordenen Latika, gerät in die Fänge von Kinderversklavern und überlebt nicht nur wie durch ein Wunder, sondern bekommt sogar eine Chance beim Fernseh-Quiz.

Konsequent steuert Boyle beim Springen durch die Zeit auf den Showdown zu, in dem alles zusammenläuft. Scharf verkantet er dabei die Kontraste: Hier das beinahe beschauliche Leben im Slum, erfüllt von der Fantasie und den Streichen der Kinder, bis die brutale Wirklichkeit über sie hereinbricht, dort die funkelnde Scheinwelt des TV-Studios, kalt, unnahbar und unwirklich; hier das mystische, archaisch anmutende Indien, in dem vermeintliche Wohltäter streunende Kinder aufnehmen, um sie zu verstümmeln, damit sie als Bettler mehr einbringen, dort der Zynismus eines schillernden Gangsters, der mit Mädchen, Waffen und Drogen handelt.

Kein strahlender Held, ein gewöhnlicher Optimist

Hier Salim, der seinen kleinen Bruder triezt und abzockt und folgerichtig beim Gangster anheuert, dort Jamal mit dem naiven Anstand eines Schiller'schen Kavaliers, der seine Sandkastenliebe Latika jahrelang unermüdlich schützt, umwirbt, wiederzufinden sucht. Jamals Ringen wirkt nie albern oder pathetisch, sondern bedient auf rührende Art die Sehnsucht nach einem Ideal von romantischer Liebe, das in Hollywood wie in Bollywood meist nur noch als stereotypes Hochglanz-Abziehbild existiert. Stoisch steuert der junge indische Schauspieler Dev Patel (18) seine Figur durch das Wüten, kein strahlender Held, sondern ein gewöhnlicher Optimist, der fest daran glaubt, dass alles gut wird, so unwahrscheinlich das auch scheinen mag. Nicht minder dezent agiert Freida Pinto (25) als Latika, die sich mit der Frauenrolle in einer gewalttätigen Männerwelt arrangiert hat, um zu überleben, die die Hoffnung aber ebenfalls nicht aufgegeben hat.

Häufig lässt Boyle die Kamera frei, die ihren Blick in indische Panoramen zu weiten sucht, aber nur zweierlei findet: den Dunst tiefsitzender Verschmutzung oder die glitzernden Oberflächen künstlicher Welten, entkoppelt von der Realität der meisten Menschen. Aus einem Hochhausrohbau schaut Jamal auf das Viertel, in dem früher sein Slum lag: Mit Bürokomplexen hat man die bittere Armut wegbetoniert, die freilich an anderer Stelle weiterwuchert. Das ist die große Kunst an Boyles Film, dass Wiedersprüche immer als Ganzes anwesend sind, auch die Teile, die nicht im Bild zu sehen sind.

Natürlich ist das Indien im Film eine stilisierte Zuspitzung. Sie zielt auf ein Weltganzes, von dessen gegenwärtigem Zustand nur eine Minderheit profitiert.
 

Bernd Haasis

19.03.2009 - aktualisiert: 23.03.2009 18:21 Uhr

 


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