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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.04.2009

Religulous - Man wird doch wohl fragen dürfen

Eine religiöse Offenbarung

Mit Mutter und Schwester erörtert TV-Satiriker Bill Maher zunächst das Verhältnis der Familie zur Religion: Die Mutter ist Jüdin, der katholische Vater nahm die Kinder jeden Sonntag mit zur Kirche - bis der Papst Kondome verbot, auch für Aids-Kranke. In diesem Geist traktiert Maher im Anschluss andere mit Fragen, und wie er im Dialog mit religiösen Eiferern das manipulative Gefahrenpotenzial irrationaler Glaubenssätze vorführt, ist eine humoristische Offenbarung.

Dazwischen setzt Regisseur Larry Charles ("Borat", "Curb Your Enthusiasm") Montagen à la Michael Moore, in denen Helden aus Erlöserfilmen (Jesus, Moses) neben zeitgenössischen Fanatikern stehen, orthodoxe Bartträger neben ZZ Top. Er zeigt, dass Jesus Vorläufer in Indien, Persien und Ägypten hatte, von Jungfrauen geboren, hingerichtet, wieder auferstanden. Und er nutzt Untertitel, um gegenüberzustellen, was die Leute reden und was sie meinen.

Maher fragt präzise: Wieso ächten die Zehn Gebote nur Mord und Diebstahl, nicht aber Folter und Kindesmissbrauch? Wieso fehlt in zwei Evangelien ein "Knüller" wie die Jungfrauengeburt? Den Rest besorgen die Gläubigen mit abstrusesten Argumenten. "Es macht mir Sorgen, dass dieses Land von Leuten regiert wird, die an eine sprechende Schlange glauben", sagt Maher zu einem US-Senator in dessen Büro in Washington. "Man muss ja auch keinen IQ-Test machen, um gewählt zu werden", entgegnet dieser. Ein anderer behauptet, Augenzeugen hätten die Bibel geschrieben. Jahrzehnte später? Das sei ja "nah dran an Augenzeugen". Ein Ex-Schwuler, mit einer Ex-Lesbe verheiratet, drei Kinder, führt eine christliche Kampagne gegen Homosexualität an: "Niemand wird schwul geboren, die Leute sind nur verunsichert." "Kennen Sie Little Richard?", fragt Maher, und Charles zeigt fröhlich Feiernde bei einer Schwulenparade. "Ihr versucht also, Gott auszutricksen?", fragt Maher einen, der Geräte erfindet, um jüdische Sabbat-Verbote zu umgehen. Die Hauptperson im "Holy Land" in Florida lässt sich gerne mit "Jesus" ansprechen und antwortet, als wäre er es. Ein Wanderprediger im teuren Anzug, der von Spenden lebt, sagt: "Die Leute wollen, dass man gut aussieht." "Das sagen Zuhälter zu ihren Mädchen", erwidert Maher.

"Ihr versucht also, Gott auszutricksen?"

Moslems reden über Frieden und sagen, Koran-Passagen über das Töten von Ungläubigen müsse man im "Kontext der Zeit" sehen. "Für Frauen haben wir eine spezielle Ecke", sagt ein Imam in einer Moschee und zeigt eine einzelne betende Frau - Realsatire. Erstaunliches äußern katholische Kleriker. "Die Fundamentalisten sind eine Seuche", sagt der Astronom des Vatikans in den USA und zitiert Johannes Paul II.: "Die Evolution ist nun mehr als eine Hypothese." Ein römischer Priester antwortet auf die Frage, wie Jesus den vatikanischen Prunk gefunden hätte: "Mich stört er."

Maher zitiert Thomas Jefferson, John Adams und Benjamin Franklin, die schon vor Gefahren der Religion gewarnt haben, und ruft am Ende alle Vernünftigen auf, dem Irrsinn entgegenzutreten. Da bricht die Satire ein wenig in diesem gelungenen Film, in dem Maher mit seinen unbequemen Fragen en passant bewusstes Sein vorführt, wie es der Buddhismus anstrebt, der ohne Kirchenorganisation, Missionierung und Dogmen auskommt. "Danke, dass ihr Christus ähnlich seid und nicht nur Christen", sagt Maher zu gastfreundlichen Mitgliedern einer Trucker-Church, exakt benennend, wo der entscheidende Unterschied liegt.
 

Bernd Haasis

02.04.2009 - aktualisiert: 02.04.2009 13:41 Uhr

 


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