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Gegen den Stadtlärm

Vögel müssen lauter singen

Foto: Lange

Stuttgart - Singvögel gehen mit der Zeit: Um gegen Großstadtlärm und Autoverkehr anzukommen, trällern die Piepmätze immer lauter. Auch in den Nachtstunden hört man sie mittlerweile zwitschern. Mit Folgen: Manche Arten werden die Städte im Südwesten wohl künftig komplett meiden.

Abends, auf dem Weg zu Fuß nach Hause, ist die Zeit gekommen für ein bisschen Ruhe. Endlich Feierabend. Doch dann, wie aus dem Nichts, zwitschert ein Vogel. Es ist dunkel, nur Laternen erhellen die Straße.

Trotzdem hockt irgendwo dieser Vogel - meist ein Rotkehlchen - und macht auf sich aufmerksam. Nicht wundern. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass er nicht anders kann. Sein Gesang geht allzu oft unter im Lärm der Stadt. Um überhaupt noch gehört zu werden, singt er deshalb nachts. Ein Rotkehlchen hat nie Feierabend.

Amsel, Drossel, Fink und Star, und wie sie alle heißen, zwitschern nicht aus Jux und Dollerei. Übrigens handelt es sich dabei meist um Männchen. Sie markieren damit akustisch ihr Revier und locken Weibchen an. An vielbefahrenen Straßen, an Autobahnen und in der Stadt, fallen diese Werbegesänge immer lauter aus.

Vor allem in einem Land wie Baden-Württemberg haben es die Singvögel immer schwerer. Der Flächenverbrauch im Südwesten nimmt seit Jahren zu, täglich gehen 9,4 Hektar und damit eine Fläche von 13 bis 14 Fußballfeldern verloren. "Für die Singvögel in Baden-Württemberg ist das eine katastrophale Situation geworden", sagt Hans-Günther Bauer von der Vogelwarte Radolfzell. Die Folge: Sie ziehen sich aus bestimmten Gebieten zurück, denn die Aussicht, eine Partnerin zu finden, geht gegen null.

In anderen Bundesländern sieht es anders aus. Mecklenburg-Vorpommern, als relativ dünn besiedeltes Bundesland, beherberge wesentlich mehr verschiedene Vogelarten, sagt Bauer.

Sein Kollege Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie im bayerischen Seewiesen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Singverhalten von Vögeln. Vor wenigen Monaten erst hörte er sich Amseln in der Wiener Innenstadt und im nahe gelegenen Wald an. Ergebnis: Die Amseln in der Stadt zwitschern auf weit höheren Frequenzen als im Wald.

Warum? Der Verkehrslärm in der Stadt bewegt sich eher auf tieferen Frequenzen. "Die Vögel in der Stadt müssen sich anpassen", sagt Brumm. Und das mit gutem Grund. Der Gesang sichert ihnen das Überleben ihrer Art. "Die Weibchen wählen ihre Partner unter anderem nach dem Gesang aus." Doch nicht nur in der Stadt, auch an Autobahnen wandelt sich das Gezwitscher.

Brumm hat herausgefunden, dass Vögel, die dort beheimatet sind, durchschnittlich 15 Dezibel lauter singen als ihre Artgenossen anderswo. Überhaupt geht es nicht gerade leise zu im Reich der Vögel. Nachtigallen kommen in der Stadt auf 85 bis 90 Dezibel Lautstärke, Buchfinken auf 80. Zum Vergleich: An einer Baustelle wird mit 90 Dezibel gehämmert und gerattert.

Immer lauter, immer höhere Frequenzen: Welche Auswirkung hat dieses veränderte Singverhalten nun auf die Vögel selbst? Sie verbrauchen zum einem mehr Energie, und machen zum anderen auch Raubvögel auf sich aufmerksam. Zudem geraten die Singvögel leichter mit ihren Artgenossen aneinander. "Soziale Aggression", nennt es Wissenschaftler Brumm. Denn das Gezwitscher ist eigentlich nur für die Vogelweibchen gedacht, die Männchen soll es vertreiben.

Auf eine bequeme Lösung sind die australischen Zebrafinken gekommen. Üblicherweise bleiben die Weibchen ihrem Partner ein Leben lang treu. Im Lärm der Großstadt hören sie jedoch die vertrauten Laute des Männchens nicht mehr -und suchen sich einfach einen neuen Partner.
 

Hilmar Pfister

07.04.2009 - aktualisiert: 07.04.2009 19:10 Uhr

 



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