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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.04.2009

Radio Rock Revolution

In der Musik liegt die Kraft

Girl I want to be with you", bellt Ray Davies 1966 aus dem Äther zu einem kruden Gitarrenriff, mit dem er den Punk vorweggenommen hat, und 25 Millionen hören gebannt an ihren Radios zu, viele heimlich, denn die Musik kommt von einem illegalen Piratensender. Der setzt von der Nordsee aus Großbritannien unter Rock'n'Roll mit Songs wie "All Day and All of the Night" von den Kinks - sehr zur Missbilligung des konservativen Establishments, das sich gegen die anrollende gesellschaftliche Befreiung stemmt, der die wilde Musik Treibstoff und Untermalung zugleich ist.

Es ist die Zeit der "The"-Bands, The Who ("I Can See For Miles"), The Hollies ("I'm Alive"), The Beach Boys ("Wouldn't it be Nice?"), The Turtles ("Elenore"), The Tremeloes ("Silence is Golden") und The Box Tops ("The Letter") kommen noch einmal zu Ehren im Film von Richard Curtis ("Love Actually"), der den Pionieren der neuen Zeitrechnung eine komödiantische Hommage widmet. Eine bunte Besatzung an Bord des Rock'n'Roll-Kahns verkörpert den Aus- und Aufbruch in die pure Lebenslust: Philip Seymour Hoffman ("Capote") gibt den bärig-bärtigen DJ The Count, der als einziger Amerikaner den Briten etwas über den ursprünglichen Geist des Rock'n'Roll beibringt, Rhys Ifans ("Notting Hill") posiert als DJ-Dandy Gavin im lila Anzug und raunzt zur Freude der Damen Anzüglichkeiten ins Mikrofon, Nick Frost gibt den beleibten Charmeur, Schwerenöter und Genießer, dem trotz allem niemand böse sein kann, und Bill Nighy sprüht als Gentleman und Besitzer des Senders vor wundervoller britischer Ironie.

Schillernde Wortführer und Bohemiens pflegen da ihre Eifersüchteleien und Rivalitäten, die Selbstreflexion über den fundamentalen Wandel aber bleibt den Kabelträgern im Hintergrund überlassen, ohne deren Engagement Funkstille wäre. Gelegentlich wirbelt weiblicher Besuch im Taumel der sexuellen Befreiung die Männerwirtschaft durcheinander, und mancher muss lernen, dass gegen großmäulige Angeber auch im Zeitalter der freien Liebe kein Kraut gewachsen ist.

Die Senderäume im Innern des Schiffes sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet, jeder DJ hat seine ganz eigene Sprache und großartige Auftritte an Mikrofon und Plattenteller, und Kenneth Branagh glänzt als reaktionärer Innenminister, der die Piraten mit aller Gewalt bekämpft.

Die Rock-Rebellen werden verklärt und romantisiert

Leider geht dem Film irgendwann die Puste aus. Die kleinen Episoden, in denen sich die Umwälzung im Großen spiegelt, sind auf Dauer kein Ersatz für eine tragfähige dramatische Spielfilmhandlung, was durch die Überlänge von gut einer halben Stunde noch deutlicher zutage tritt. Zudem übertreibt es Curtis gegen Ende ein wenig mit der Verklärung und Romantisierung der Rock-Rebellen. Was bleibt, ist ein über weite Strecken angenehm leicht erzählter Film mit einigem Witz, der sein zentrales Anliegen überzeugend vertritt: In der Musik liegt die Kraft.
 

Bernd Haasis

16.04.2009 - aktualisiert: 16.04.2009 11:10 Uhr

 


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