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Grundgesetz steht für den Neuanfang

Erst Futter, dann Politik

Verfassungsversammlung auf Herrenchiemsee 1948
Foto: dpa

Bonn/Berlin - Nach dem verlorenen Krieg gehen die Deutschen an den Wiederaufbau. Es dauert Jahre, bis die Trümmerberge beseitigt sind, jeder genug zu essen und wieder ein Dach über den Kopf hat. Werner Kling aus Eisingen berichtet über die ersten Jahre nach der Stunde null.

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die sich im hohen Alter so detailliert und kenntnisreich an die Geschichte ihres Lebens und ihres Heimatlandes erinnern können. Einer von ihnen ist Werner Kling. Der 84-Jährige aus Eisingen bei Pforzheim hatte vor 60 Jahren, als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, nur wenig Zeit für große Politik, große Reden und große Gesten. "Ich musste meinen Alltag organisieren. Essen und Ware für das Geschäft beschaffen." Damals ist Ludwig Erhards Wirtschaftswunder und "Wohlstand für alle" noch ein ferner Traum.

23. Mai 1949: Aus der Trizone wird ein eigener Staat



Doch dann kommt der 23. Mai 1949: die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Wenige Tage zuvor, am 12. Mai, beendet die Sowjetunion die Berlin-Blockade. Die drei westlichen Militärkommandeure genehmigen den Verfassungstext. Aus der Trizone wird ein eigener Staat.

"Deutschland war ein zusammengewürfelter Haufen von Ländern. Erst durch das Grundgesetz wurde daraus eine Einheit", erinnert sich Kling. Ob er und andere damals gefeiert hätten, ob es eine Aufbruchstimmung gegeben habe oder ein Gefühl für die historische Dimension des Augenblicks, wollen wir von ihm wissen. Der Rentner schüttelt den Kopf. Die Menschen hätten das nicht so pathetisch gesehen mit der Geburt der Bundesrepublik. "Erst kommt die Arbeit und das Futter, dann die Politik." Im Nachhinein habe sich die Gründung als Segen erwiesen. "Aber wir hatten andere Sorgen." Alles ging seinen normalen Gang.

Ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Gundgesetz wird die DDR gegründet



Da habe es auch noch den West-Ost-Konflikt gegeben. Ein halbes Jahr nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, am 7. Oktober 1949, wird der zweite Staat auf deutschem Boden, die Deutsche Demokratische Republik, aus der Taufe gehoben. "Wir hofften, dass Deutschland irgendwann wieder vereint ist. Aber nie hätte ich zu träumen gewagt, dass ich das noch erlebe."

Werner Kling sitzt am Esszimmertisch seines kleinen Hauses in Eisingen. Vor sich Zeitungsartikel, Notizen, Schreiben. Seine Frau Gerlinde (78) kümmert sich während des Gesprächs um den Haushalt. Seit Jahrzehnten lebt das Ehepaar in der 4500-Einwohner-Gemeinde im Enzkreis.

In seiner Erinnerung lässt Kling auch die Zeit vor 1949 Revue passieren. Januar 1942: Damals wird der 17-jährige Einzelhändler an die Ostfront eingezogen. Vom Reichsarbeitsdienst direkt ins blutige Gemetzel zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Der junge Soldat bleibt bis zum Untergang der Nazi-Tyrannei im Frühjahr 1945 im Osten.

"Ich zeig' Ihnen was", sagt er und holt eine kupferfarbene Kugel aus seinem Portemonnaie, die an einem Ende zersplittert ist. "Dumdum-Geschoss. Reißt tiefe Wunden." Ein russischer Scharfschütze habe sie ihm 1942 "verpasst". Die Kugel drang durch die Schulter bis drei Zentimeter vor das Herz. "Erst 1944 hat man sie herausoperiert." Kling zeigt auf seine Beine. "Alles voller Granatsplitter."

1945: Stunde null - Auferstehung aus Ruinen



August1945: Werner Kling kehrt nach Lazarettaufenthalt und Gefangenschaft nach Pforzheim zurück. Deutschland erlebt seine Stunde null. Auferstehung aus Ruinen. Am 23.Februar 1945 wird die Stadt bei einem Angriff von 379 britischen Bombern in Stücke gerissen. Innerhalb von 22 Minuten finden bis zu 17.600 Menschen den Tod - fast ein Drittel aller Einwohner. "Danach mussten wir jahrelang Trümmer beseitigen und die Stadt wieder aufbauen. Auch 1949 war das noch nicht beendet."

Die Entnazifizierung in der amerikanischen Zone durchläuft er ohne Probleme. "Das war damals ein großes Thema", erinnert er sich. "Es gab die 300-prozentigen NSDAPler, und es gab viele Mitläufer."

Wenige Wochen nach seiner Rückkehr bekommt Kling eine Anstellung in seinem alten Lehrbetrieb. Mit einem Opel mit Holzvergaser fährt er übers Land, beschafft Materialien, verkauft und tauscht Waren. "Es war die Hochblüte der Schieber." Im Mai 1947 gründet er in Büchenbronn eine Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands. Seit diesem Tag verschreibt sich Werner Kling mit Leib und Seele dem späteren Sozialverband VdK Deutschland. Seit 1965 ist er Vorsitzender des Pforzheimer Kreisverbands - bis heute. "Ich bin das Urgestein des VdK. Wenn es irgendwie geht, werde ich weitermachen."

Von Reichsmark zur D-Mark: "Die Umstellung war brutal"



Dann erzählt er von einer weiteren wichtigen Etappe auf dem Weg zum neuen Staat: Am 20.Juni 1948 wird in den drei Westzonen die D-Mark eingeführt. Jeder Bürger erhält 40 Mark "Kopfgeld". "Vorher waren die Bäckereien, Metzgereien und Kleidergeschäfte leer. Als die D-Mark kommt, sind deren Auslagen zum Bersten gefüllt." Die Umstellung sei brutal gewesen, erzählt Kling. "Vorher hatte man die Taschen voll Geld. Plötzlich war keines mehr drin." Was er mit seinen ersten D-Mark-Scheinen gemacht hat? "Ich habe sie gleich ausgegeben für was Richtiges zum Essen und Trinken."

Nach den ersten entbehrungsreichen Nachkriegsjahren herrscht ab 1949 fast so etwas wie Normalität - wenn auch inmitten von Trümmerbergen. Auch an den 24.Juni1948 erinnert sich der rüstige Rentner genau. Die Sowjetunion sperrt die Zufahrtswege nach Westberlin. Ein neuer Krieg liegt in der Luft. Wie Millionen anderer Deutsche fürchtet sich auch Kling vor einem neuen Weltenbrand. Doch die westlichen Alliierten versorgen über die Luftbrücke und mit Rosinenbombern zwei Millionen eingeschlossene Menschen im Westteil der Stadt. "Wir waren froh, dass die Amerikaner für Westberlin sorgten. Wir fühlten uns beschützt."

Erste demokratische Wahl der Bunderepublik: Adenauer wird Kanzler



Wenige Monate nach Gründung der Bundesrepublik, am 14. August 1949, gibt Werner Kling zum ersten Mal in seinem Leben seine Stimme bei einer demokratischen Wahl ab. Was er damals gewählt hat, will er nicht verraten. Der Wahlsieger Konrad Adenauer (CDU) wird vom Bundestag zum ersten Kanzler gewählt. Am 12.September wird der baden-württembergische FDP-Politiker Theodor Heuss zum Bundespräsidenten gewählt. "Wir waren stolz, dass ein Landsmann der erste Bundespräsident des jungen Staates wurde."

Kling geht nach 1949 immer mehr in seinem VdK-Ehrenamt auf. Arbeit gibt es für ihn angesichts der unzähligen Kriegsversehrten, Kriegerwitwen und Hinterbliebenen im neuen Deutschland mehr als genug.

Im nussbraunen Wandschrank im Wohnzimmer stehen Bilderrahmen mit Fotos der vier Kinder und sechs Enkel. Werner Klings Biografie ist eine Zeitreise durch 60 Jahre Bundesrepublik - ein reiches, spannendes, erfülltes Leben. "In meinem Leben", sagt er zum Abschied, "spiegelt sich die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wider."
 

Markus Brauer

08.05.2009 - aktualisiert: 08.05.2009 18:29 Uhr

 



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