Stuttgart - Natürlich besitzt Franz Epple sein allererstes Soldbuch noch, Ausstellungsdatum 12.August1942. Da muss der 19-jährige Bauernbub aus dem Allgäu für Führer, Volk und Vaterland in den Krieg ziehen. Bis in die Ukraine führt der Weg, nach Kriegsende bis September 1947 in die britische Gefangenschaft. Und doch steht Epple nicht einmal zehn Jahre später am 2.Januar 1956 wieder in Reih und Glied - als einer der ersten Soldaten der neuen Bundeswehr.
Vor Epple liegen ein dicker Aktenordner und ein Album mit vergilbten Fotos. Der 85-Jährige muss nicht lange nachdenken, wenn er nach den Anfängen der Bundeswehr gefragt wird. "Eigentlich habe ich mich schon 1953 beworben", sagt er, "beim Amt Blank" - mehr, weil ihm eine berufliche Perspektive fehlt, denn aus militärischer Berufung. "Du hast im Allgäu damals ja nix gekriegt", sagt Epple, trotz elterlichem Hof und sechs Jahren Handelsschule.
Bundesrepublik wird 1955 Mitglie der Nato - bevor das Land Soldaten hat. Dabei gab es 1953 die Bundeswehr noch gar nicht. Genau genommen. Als Epple im November 1955 das Musterungsschreiben bekommt ("Das habe ich auch noch!"), hat die Truppe noch keinen Namen. Den bekommt sie erst am 1.April 1956. Denn gut Ding will Weile haben. Am 1.August 1950 hatte zwar der Europarat die Bildung einer europäischen Armee mit deutscher Beteiligung beschlossen. Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen wird die junge Bundesrepublik am 9. Mai 1955 Mitglied der Nato - noch bevor das Land Soldaten hat.
Immerhin laufen die Vorbereitungen seit Oktober 1950. Im Kloster Himmerod treffen sich erstmals Wehrexperten im Auftrag von Bundeskanzler Konrad Adenauer, sie sollen das Konzept für eine deutsche Armee erarbeiten. Nur mit Mühe gelingt es Wolf Graf von Baudissin, den Begriff des "Staatsbürgers in Uniform" unterzubringen. Am 8.Februar 1952 stimmt der Bundestag dem deutschen Verteidigungsbeitrag zu - gegen die Opposition, die SPD an der Spitze.
Nach heftigen innenpolitischen Debatten ("Ohne-mich-Bewegung") beschließt der Bundestag am 26. Februar 1954 die Ergänzung des Grundgesetzes über die Wehrhoheit der neuen Streitkräfte. Aus dem "Amt Blank" (nach dem Bevollmächtigten des Kanzlers, dem christdemokratischen Gewerkschafter Theodor Blank benannt) wird das Bundesverteidigungsministerium. "Wir wollen Streitkräfte in der Demokratie, die sich dem Vorrang der Politik fügen," verkündet Blank. Am 12.November 1955 überreicht er den ersten 101 freiwilligen Soldaten in der Bonner Ermekeil-Kaserne ihre Ernennungsurkunden.
Epple hat gern Uniform getragen."Klar, unsere Ausbilder waren frühere Offiziere der Wehrmacht", sagt Franz Epple kühl, "damit hatten wir kein Problem." Zusammen mit anderen Kameraden posiert er 1956 vor dem Niederwalddenkmal - Kriegsteilnehmer hinten, Frischlinge vorn. In der Andernacher Lehrkompanie - gleich ob im Artillerie-, Fernmelde- oder im Pionierzug - hätten sich alle mit der neuen Armee voll identifiziert, sagt Epple: "Wenn schon dabei, dann voll und ganz." Ausgebildet wird nach Wehrmachtserinnerungen, "da gab's nur wenig schriftlich". Stolz sei er in Uniform mit dem Zug nach Hause gefahren, Soldat und Bürger - und ganz kühl, wenn er angepöbelt wurde.
Epple hat gern Uniform getragen. "Ich habe keine schlechten Seiten der Wehrmacht erlebt", sagt der 85-Jährige und blättert im Album. Zumindest solange, "wie man die Lage in der Hand hatte", fügt er hinzu. Es klingt leicht unwillig. In Südtirol war Epple im Zweiten Weltkrieg stationiert, auch in Slowenien und in der Ukraine: "Da haben wir guten Kontakt zur Zivilbevölkerung gehabt."
Und er hat Glück. Nach Stalingrad muss Epple nicht. "Wegen der Schule bin ich 1941 ein Jahr zurückgestellt worden", erinnert er sich, "das hat mich wohl vor Stalingrad gerettet." Im Februar 1945 wird er Obergefreiter, kurz vor Kriegsende wird er am 30.April 1945 noch mit dem Eisernen Kreuz 2.Klasse dekoriert, "im Namen des Führers".
Seit Juli 1956 gibt es die Wehrpflicht. In Niedersachsen arbeitet Epple als Kriegsgefangener in der 138. Straßenbaukompanie, ehe es im Sommer 1947 zurück ins Allgäu geht. Die Unterlagen sind im Ordner. Danach sei er "Mädchen für alles" gewesen, sagt Epple leichthin - bevor die Bundeswehr lockt. 148 Mark im Monat bekommt der ehemalige Wehrmachts-OG als Bundeswehr-Obergefreiter im Monat. Nicht lange. Nach drei Monaten Ausbildung wird der Allgäuer im April 1956 Unteroffizier (Franz Josef Strauß wird wenig später Verteidigungsminister). Epple wird in Idar-Oberstein und Münster stationiert. Im November 1957 wird er Stabsunteroffizier.
Am 11.April desselben Jahres rücken die ersten Wehrpflichtigen in die Kasernen ein, einen Tag später etabliert der Bundestag nach schwedischem Vorbild den Wehrbeauftragten. Aus gutem Grund: Seit Juli 1956 gibt es die Wehrpflicht. Der Wehrdienst dauert ein Jahr und wird 1962 auf 18 Monate verlängert. Seit Anfang 2002 sind es nur noch neun Monate. Epple lächelt.
Die Zeiten haben sich geändert. Seit 1976 ist er Hauptmanna.D. und verfolgt den Betrieb nur noch aus der Ferne. Dass einmal frühere DDR- Soldaten der Nationalen Volksarmee in der Bundeswehr dienen würden, dass es eine deutsch-französische Brigade gibt, dass die Bundeswehr auch außerhalb des Nato-Gebiets unter UN-Befehl in Afghanistan steht und die Truppenstärke nicht mehr bei 495000 (1989), sondern nur noch bei 248000 liegt, vor allem aber, dass es Frau bis auf den Exerzierplatz schafft - "daran hab' ich nie geglaubt", sagt der 85-Jährige.
Stattdessen erinnert er sich an einen Totalverweigerer Ende der 60er mit langen Haaren - "unmöglich", sagt Epple (das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen ist seit 1949 im Grundgesetz verankert). Der Mann wurde aus der Truppe entlassen - und schickte später eine Ansichtskarte aus dem Iran.
Wie er war, der "Bürger in Uniform" Mitte der 50er? "Da hat doch jeder reingeredet", antwortet Epple knapp. Staatsbürgerlicher Unterricht? Ja, den habe es schon gegeben, aber eher nebenbei. Epple ist Soldat. Nicht weniger, nicht mehr.
Heute läuft der 85-Jährige Halbmarathon - gut 21 Kilometer in drei Stunden 18 Minuten. Zig goldene Sportabzeichen hängen im Wohnzimmer. 176 Zentimeter, schlank, Augen blau - so steht es in seinem ersten Soldbuch. Epple strahlt. "Ich müsste meine Uniform nicht ändern."