Rudolf Scharpff bei "Über Kunst"
Wie Unmögliches bezahlbar wird
Stuttgart - In der Krise liegt die Chance: 1967 begrüßten Rudolf und Ute Scharpff, die begonnen hatten, Kunst zu sammeln, Hans-Jürgen Müller bei sich zu Hause, damaliger Star unter Stuttgarts Galeristen. Plötzlich schien alles infrage gestellt.
Würde der Freund und Helfer der Avantgarde dem Ehepaar nahelegen, alles bisher Gesammelte rauszuwerfen? „Er spürte unsere Unsicherheit“, erinnerte sich Rudolf Scharpff. Als Gast in der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung in der voll besetzten Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart versucht Scharpff am 12. Mai, im verzwickten Beziehungsgeflecht zwischen dem Sammler, dem Museum, dem Galeristen und dem Künstler Orientierung herzustellen.
Das längst international bekannte und agierende Sammlerehepaar nützte seine Chance. Müller hatte seinen Gastgebern mit Schlüsselfragen wie "Was und wohin willst du? Was willst du bewegen?" zu "einem Fundament verholfen, das heute noch trägt". Auch von Siegfried Cremer, seinerzeit leitender Konservator der Staatsgalerie, später Professor in Düsseldorf, vor allem aber selbst Sammler, kam Rat und Hilfe. 1973 gab es die erste Präsentation in der Staatsgalerie.
Es fehlte nicht an qualifizierten Gesprächspartnern wie Max Hetzler, Ex-Stuttgarter Galerist, Schmela in Düsseldorf, wichtige New Yorker Adressen. Scharpffs wussten, was sie wollten. Da wurde für einen Robert Gober auch mal ein großer Richter geopfert. "Man muss früh dran sein, dann kann man was bewegen", lautet das Rezept der Scharpffs. 1997 begann die Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle, die bis 2007 Bestand hatte. "Sie haben Kunst, aber keine Räume", lockte der Kunsthallenchef Uwe M. Schneede die Scharpffs, die mit ihren Leihgaben Hamburgs Erweiterungsbau bestückten. Mit Stuttgarts damaligem Staatsgaleriechef Peter Beye sei das abgesprochen gewesen - kein Affront also gegen Stuttgart.
Misstrauen pflegten Sammler allenfalls untereinander, beim Verdacht etwa, dass museale Präsentationen sich wertsteigernd auswirkten. Doch schade ein museales Gastspiel von zu langer Dauer eher. Das Interesse lasse dann nach. Das Kommen und Gehen von Kunst gehöre dazu. Darum dienten ihre Kontakte zur Kunsthalle Hamburg, zu den Kunstmuseen in Bonn und Stuttgart und zur Staatsgalerie dem Prinzip des "offenen Depots". Hauptsache, es wird junge Kunst gezeigt. In Anbetracht sinkender Museumsetats wird das nicht leichter. Nicht einmal für Reisen sei genug Geld da.
Rudolf Scharpff fragt: "Kann solch ein Museum, das (deswegen) nicht sammelt, noch Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen?" Denn: "Die besten Bilder gehören ins Museum!" Darum gibt es Wechsel, darum werden ganze Werkblöcke verbannt. "Künstler malen ja auch nicht nur gute Bilder." Gegenbeispiel: Von Robert Gober, mit Jeff Koons zusammen ein Star der Sammlung Scharpff, sind zentrale Werke zehn Jahre lang in Hamburg gezeigt worden. Jetzt erhält der Scharpff-Block auf Wunsch Gobers in Chicago eine neue Heimstatt. Es sei wohl genug gesehen, "aber nicht verstanden worden".
Rainer Vogt
13.05.2009 - aktualisiert: 03.12.2009 15:22 Uhr