Stuttgart - Anfang der 80er Jahre wächst die weltweite Angst vor einem Atomkrieg. Als 1982 in Mutlangen Pershing-II-Raketen stationiert werden, wird der kleine Ort zum Schauplatz großer Friedensdemonstrationen. Der damalige Bürgermeister Heinz Hartmann erinnert sich.
Heinz Hartmanns Bungalow liegt nicht mehr als 500 Meter Luftlinie von der Mutlanger Heide entfernt. Das Areal im Süden der rund 6600-Einwohner-Gemeinde im Ostalbkreis unweit von Schwäbisch Gmünd ist zwischen 1983 und 1990 Schauplatz unzähliger Demonstrationen gegen die US-Raketenbasis.
Im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses 1979 stationieren die Amerikaner atomare Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II in ihrem schwer bewachten Depot auf der Mutlanger Heide. "Jeden Tag fuhren amerikanische Armeefahrzeuge durch den Ort und an unserem Haus vorbei", erinnert sich der frühere Bürgermeister. "Das Rathaus glich zeitweise einer Festung, und ich als Dorfschultes war mittendrin."
Hartmann: "Damals habe ich gelernt, dass die Demokratie die beste und richtige Staatsform ist."Als die ersten Schwertransporter mit ihrer gefährlichen Fracht durch den Ort rollen, ist Hartmann schon seit 29 Jahren ein im Land angesehener und bei den Bürgern beliebter Rathauschef. Beim letzten Urnengang 1974 hat der Vertreter der Freien Wähler 99,9 Prozent der Stimmen geholt. "Fast wie in der DDR", meint der 85-Jährige.
Noch heute - 29 Jahre nach dem Abzug der Amerikaner - erzählt er mit Begeisterung von dieser Zeit, als in seinem schwäbischen Dorf Friedenscamps mit Tausenden Teilnehmern aus ganz Europa stattfinden, und sieben Jahre lang immer irgendwo auf dem Gemeindeareal für eine Welt ohne Atomwaffen demonstriert wird. "Für mich war das eine sehr interessante Zeit. Als Bürgermeister von Mutlangen war ich damals ein ganz wichtiger Mann."
Hartmann konferiert mit dem baden-württembergischen Innenminister Roman Herzog - dem späteren Bundespräsidenten. Er wird nach New York eingeladen, wo er von amerikanischen Fernsehsendern interviewt wird. Weil er kaum ein Wort Englisch spricht, liest er alles vom Teleprompter ab. In Bonn trifft er sich mit dem damaligen Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (CDU). "Das Mittagessen hatte ich mit Admirälen und Generälen. Solang die Raketen in Mutlangen waren, war auch der Bürgermeister jemand."
Und dann die Demonstrationen vor den Absperrzäunen der US-Basis, hinter denen die Raketen mit 1800 Kilometer Reichweite lagern. Walter Jens, der Rhetorikprofessor aus Tübingen, und die beiden Theologen Norbert Greinacher und Hans Küng sind mit dabei. Natürlich auch Friedensaktivist und Schauspieler Dietmar Schönherr. "Er war der Allerschönste in seinem Kampfanzug", erzählt Hartmann. Damals habe er gelernt, dass die Demokratie die beste und richtige Staatsform sei - "und die schwierigste für diejenigen, die regieren".
Als Helmut Kohl 1982 Kanzler wird, hegt Hartmann die Hoffnung, dass es "der neuen Regierung gelingt, die Raketen wegzukriegen". Der Schultes steht wie viele im Dorf hinter der Raketenstationierung, die zum Scheitern der sozial-liberalen Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) beiträgt. Er unterstützt aber auch die Demonstranten, schließlich sei das Recht auf friedlichen Widerstand ein unveräußerliches demokratisches Grundrecht.
Dass es zu keinen gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen ist, hält sich auch Hartmann zugute. "Der Hauptgrund, warum es friedlich blieb, war, dass sich die Polizei richtig und besonnen verhalten hat." Auch mit den gut 3000 Soldaten der 56. US-Infantriebrigade ist das Verhältnis entspannt. "Die Mutlanger hatten immer ein gutes Verhältnis zu den Amerikanern."
Als der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl 1982 neuer Kanzler wird, hegt Hartmann die Hoffnung, dass es "der neuen Regierung gelingt, die Raketen wegzukriegen. Das wurde am Ende auch wirklich geschafft." Nachdem die Sowjetunion und die USA 1987 im INF-Vertrag die Verschrottung aller Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa vereinbart haben, kommt 1990 das Aus für den Mutlanger Raketenstützpunkt. Hartmann fällt ein Stein vom Herzen. "Ich spürte große Erleichterung."
1924 wird der waschechte Ostälbler in Schwäbisch Gmünd geboren. Nach der Handelsschule bewirbt er sich für den gehobenen Verwaltungsdienst. Im Januar 1943 wird er zur Luftwaffe eingezogen und in Eger stationiert. Bis Kriegsende fliegt er Kampfeinsätze. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrt er in den Südwesten zurück und macht sein Examen für die höhere Verwaltungslaufbahn. Nach Stationen beim Landratsamt in Schwäbisch Gmünd und beim Bürgermeisteramt in Rommelshausen kandidiert er 1954 für den Schultesposten in Mutlangen. Mit Erfolg: Dreimal in Folge wird er ins Rathaus gewählt.
"In Mutlangen Schultes zu sein war immer mein Lebenstraum. Ich wollte hier niemals weg." Die anfangs 1300 Einwohner große Gemeinde nimmt unter seiner planerischen Hand einen enormen Aufschwung. Stolz zählt der gläubige Katholik Hartmann im heimischen Wohnzimmer - umgeben von Wanderfotos aus den Dolomiten, einer hölzernen Madonnenfigur und Bildern der drei Kinder und zwei Enkel - seine Leistungsbilanz als Bürgermeister auf: zwei Sportplätze, ein neues Rathaus, eine Hauptschule, eine Realschule, eine Grundschule, eine Gemeindehalle und eine Großsporthalle.
Damit nicht genug: Er habe es zudem zu verantworten, dass das Klinikum Schwäbisch Gmünd auf der Gemarkung Mutlangen liegt. Der Hälfte der 1200 Beschäftigten würde in Mutlangen und im Neubaugebiet Mutlanger Heide wohnen. Wo früher Raketen lagerten, leben heute rund 1000 Menschen. Hartmann: "Bürgermeister zu sein ist eine Berufung - wie Pfarrer oder Arzt. In Mutlangen Schultes zu sein war immer mein Lebenstraum. Ich wollte hier niemals weg."
Als er 1954 seine erste Amtszeit beginnt, gibt es ab 10 Uhr morgens kein fließendes Wasser aus der Leitung. Wenn der Friseur die Haare färbt, läuft eine rote Brühe die Straße entlang, weil es im Ort keine Kanalisation gibt. Vier Lehrer unterrichten in der maroden Schule. Als Hartmann nach 32 Amtsjahren abtritt, sind es 106 Pädagogen.
Franz Josef Strauß, der 1980 nach der Macht in Bonn greift, hat er nie sonderlich gemocht. "Ein Ungehobelter. Horst Seehofer macht es ihm nach." Den politischen Wechsel 1982 begrüßt er. "Die Demokratie lebt vom Wechsel." Deshalb sei er auch nicht für eine vierte Amtszeit angetreten.
Die Grünen seien ein politisches Thema gewesen, nachdem sie am 6. März 1983 erstmals in den Bundestag einziehen und die etablierten Parteien das Fürchten lehren. "Mit den Grünen hatte ich keine Schwierigkeiten. Die waren für Natur und Umwelt." Prominente Ökos wie die grüne Frontfrau Petra Kelly sind Stammgäste in Mutlangen. Das Bild Kellys mit dem blumengeschmückten Stahlhelm geht damals um die Welt.
Seit 23 Jahren ist Hartmann nun im Ruhestand. Abgesehen von Bandscheibenbeschwerden sei er "ganz vital". Nur in seinen geliebten Dolomiten können er und seine Frau Inge nicht mehr wandern. "Wir feiern bald unsere diamantene Hochzeit", sagt die 82-Jährige. Dann wird ihre Ehe so viele Jahre zählen, wie die Bundesrepublik alt ist.