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Deutschland feiert den Fall der Mauer

Der Weg nach Westen ist frei

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger für einen kurzen Besuch in den Westen.
Foto: dpa

Stuttgart - Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Sie entrümpelt ihre kleine Mietwohnung in Lobeda-West, lagert liebgewonnene Erinnerungsstücke aus ihrer Kindheit unter einem Vorwand bei ihren Eltern ein, kündigt Versicherungen. "Ich habe versucht, mich leicht zu machen", sagt Ortrun Eichhorn. Ihr Entschluss, der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken zu kehren, steht fest. Darüber zu reden, traut sich die damals 30-Jährige nicht, nicht mit Freunden, nicht mit der Familie. Das Schweigen wird zur Zerreißprobe. "Ich weiß nicht mehr, wie ich das durchgehalten habe", sagt sie heute.

Mit Aufmärschen und Militärparaden feiert derweil in Berlin die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) den 40.Jahrestag der DDR. Ehrengast Michail Gorbatschow betont gegenüber Staatschef Erich Honecker die Notwendigkeit von Reformen und mahnt: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren!" Nicht der sowjetische Präsident, sondern sein Pressesprecher Gennadi Gerassimow macht daraus den Ausspruch: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Den Glauben an Reformen hat Eichhorn längst verloren. Die DDR steht vor der Zahlungsunfähigkeit, dem Arbeiter- und Bauernstaat läuft das Volk weg. Tag für Tag kriechen junge Leute in Ungarn durch einen aufgeschnittenen Zaun in den Westen.

Die Sensationsnachricht von der Öffnung der Grenzen hört Ortrun Eichhorn im Autoradio

Seit Wochen zeichnet sich ab, dass der rigide Machtapparat im Palast der Republik den brodelnden Volkszorn nicht mehr lange im Zaum halten kann, der Zusammenbruch kurz bevorsteht. Die Montagsdemonstrationen werden zur Massenbewegung. Hunderttausende fordern die Zulassung des Neuen Forums, freie Wahlen sowie Reise-, Presse- und Meinungsfreiheit. "Ich war regelmäßig in Jena auf der Straße. Im Hinterkopf war immer der Gedanke: Ich will nicht mehr bleiben", erinnert sich Eichhorn. Der Staat versucht einzuschüchtern, zieht Truppen zusammen, lässt Militär und Volkspolizei aufmarschieren. "Auch in Jena standen Wasserwerfer bereit, aber wir hatten nie Angst."

In einem halben Jahr, im Sommer 1990, feiert eine Tante in Ravensburg 50.Geburtstag. Diesen Besuch will Eichhorn nutzen. "Ich hatte mir fest vorgenommen, im Westen zu bleiben." Doch sie wird von der Geschichte überholt, sie muss nicht flüchten.

Es ist kurz vor 19 Uhr am 9. November 1989, als der Informationssekretär des Zentralkomitees der SED, Günter Schabowski, ein neues Reisegesetz verkündet und damit unbeabsichtigt sofort in Kraft setzt: Der Ministerrat habe beschlossen, "heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen", lässt er die Pressevertreter wissen - die Berliner Mauer fällt, der Eiserne Vorhang hebt sich.

Wenig später verkünden die Nachrichtenagenturen, die DDR habe ihre Grenzen geöffnet. An jenen Donnerstag im November erinnert sich Ortrun Eichhorn noch so genau, als sei es gestern gewesen. Sie hört die Sensationsnachricht im Autoradio. Zusammen mit einem Arbeitskollegen ist sie auf der Heimfahrt von Berlin nach Jena. Noch am Mittwochabend haben die beiden einen Spaziergang durch Ostberlin gemacht. "Wir sind bis zum Checkpoint Charlie spaziert und mein Kollege hat im Spaß gesagt: ,Komm', wir gehen mal rüber."'

Aber plötzlich kann Eichhorn sich nicht entscheiden, gleich zu gehen. "Es können doch nicht alle weggehen, habe ich bei mir gedacht."

An den Grenzen spielen sich tumultartige Szenen ab. "DDR öffnet Grenze!" Diese Meldung setzt die Massen in Bewegung. Tausende Ostberliner strömen zu den Grenzübergängen, um sich von dem Unglaublichen zu überzeugen. Das Problem: Dort ist alles verschlossen, die Offiziere haben keine Weisungen zur Öffnung erhalten. Schließlich strömen die Menschen in die Grenzanlagen, überrennen die Kontrolleinrichtungen und werden auf Westberliner Seite begeistert begrüßt. Bis Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen.

Ganz so eilig hat es Ortrun Eichhorn nicht. Erst am Wochenende fährt sie nach Berlin, um endlich jenen Teil westlich des Brandenburger Tores zu erkunden. "Wir waren noch so brav und haben uns einen Stempel geholt, um in den Westen zu reisen", sagt sie und schmunzelt, weil es ihr fast peinlich ist: "Den Stempel wollte natürlich nie jemand sehen, aber wir waren eben noch brave DDR-Bürger." Am Abend setzt sie sich in den Nachtbus und fährt stundenlang durch Berlin. "Auf den Bahnhöfen war die Hölle los. Die halbe DDR war in Berlin."

Die Gefühle überwältigen sie, nehmen sie zugleich gefangen: "Jeder Tag war einfach nur aufregend." Aber plötzlich kann sie sich nicht entscheiden, gleich zu gehen. "Es können doch nicht alle weggehen, habe ich bei mir gedacht." Ende November nimmt sie Urlaub, fährt nach Nürnberg, um sich nach Jobmöglichkeiten zu erkundigen. "Jeden Tag hat jemand Neues auf der Arbeit gefehlt", erinnert sie sich an die hohe Fluktuation beim Optik-Betrieb Zeiss. "Es war wie eine Kettenreaktion, schließlich habe ich gedacht: Wenn ich jetzt nicht gehe, bin ich irgendwann die Letzte." Was bleibt, ist Unbehagen. "Wir hatten Angst, dass der Vorhang plötzlich wieder zugeht."

Für mehr als 1000 Flüchtlinge und Übersiedler wird das Waldheim im Feuerbacher Tal so etwas wie die erste Heimat im Westen.

Januar 1990: Wieder nimmt sie eine Woche Urlaub - an deren Ende sie nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt. Am 10. Januar verlässt sie ihre Wohnung. Ein Rucksack und ein Koffer ist alles, was sie mitnimmt, Dokumente, Zeugnisse, die notwendigste Kleidung.

Nach einwöchiger Odyssee über Gießen und Rastatt kommt Eichhorn in Stuttgart an, landet im evangelischen Waldheim im Feuerbacher Tal. Dort ist die erste Anlaufstelle für die Übersiedler. Das Quartier ist nüchtern, der Empfang umso herzlicher. Sie wird in einem Raum mit fünf Stockbetten einquartiert. "Das Waldheim war das Beste, was mir passieren konnte. Ich war froh, dass es so ein kleines Zimmer war, es gab auch richtige Massenlager in Turnhallen."

Fast zwei Jahre lang ist das Waldheim zweckentfremdet. Für mehr als 1000 Flüchtlinge und Übersiedler wird die Unterkunft so etwas wie die erste Heimat im Westen. Die treibende Kraft ist Diakoniepfarrer Martin Friz. Er ist Seelentröster, Nothelfer, mitunter auch Lebensretter für Verzweifelte. Und er schützt die unbedarften Menschen, so gut es geht, vor windigen Versicherungsagenten und Kredithaien, rät allen, "sich Zeit zu lassen, nicht gleich jeden Vertrag zu unterschreiben". Seine Hilfe hat Eichhorn nicht vergessen, mit dem Hausmeister-Ehepaar Waltraud und Eugen Schulz ist sie noch immer befreundet.

Endlich im Westen angekommen, gibt es nur noch ein Thema: Arbeit. "Davor hatte ich am meisten Angst, dass ich keine Arbeit finde." Einen Monat später muss sie sich darum nicht mehr sorgen. Bei einem Familienbetrieb, der sich auf Präzisionsmessgeräte spezialisiert hat, bekommt sie eine Stelle.

"Der Aufbruch in den Westen war der mutigste Schritt in meinem Leben", sagt Ortrun Eichhorn 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Und bis heute gilt: "Bereut habe ich es nie."
 

Steffen Rometsch

18.05.2009 - aktualisiert: 19.05.2009 10:39 Uhr

 



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