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Bundesliga-Kolumne

Wenigstens die Luft auf der Waldau tut immer noch gut

Foto: Baumann

Wie das Verliererleben spielt, war neulich kurz vor dem Berliner Hauptbahnhof die Intercity-Strecke gesperrt. Ich musste für die Weiterfahrt die überfüllte S-Bahn nehmen, und an der Haltestelle Olympiastadion überkam es mich. Ich stieg für eine Gedenkminute aus dem Zug. Da war doch was, sagte ich mir, vor 22 Jahren. Ich schaute zum Himmel. Er färbte sich blau, die wenigen Wolken waren weiß.

Das DFB-Pokalfinale 1987 gegen den HSV. Vergiss es. Heute denken wir mit Schrecken an den DFB. Wir können ihm unsere Schulden nicht bezahlen. Zur Strafe hat er uns kürzlich drei Punkte abgezogen. Das war wie Leichenfledderei.

Zum Teufel mit der Nostalgie. Das DFB-Pokalfinale fand noch hinter der Mauer statt, und auch die Jahre in der ersten Liga sind bloß eine Geschichte, die der blaue Opa seinen roten Enkeln erzählt. Die guten Tage unseres Clubs sind vorbei.

In der Saison 2008/09 haben wir von 37 Spielen stolze sieben gewonnen, 68 Tore haben wir kassiert (so viele wie kein anderer Club in der dritten Liga) und 38 geschossen. Wir steigen ab als Tabellenletzter. Fast die ganze Spielzeit über waren wir Tabellenletzter. Es ist eine Schande, und keine Eisenbahn kann einen weit genug wegbringen aus diesem Elend.

Gelegentlich wird mir gesagt, ein Zeitungsfritze dürfe nicht als Anhänger eines Clubs auftreten. Er habe "objektiv" zu sein. Das ist ein großer Blödsinn: Genauso gut könnte man objektiv einen traurigen Song hören, objektiv einen Horrorfilm schauen oder objektiv eine schöne Frau lieben. Wir gehen zum Fußball, weil ein Tor oft genug objektiv kein Tor ist. Wir gehen zum Fußball, weil er eine Waldau-Fee und eine Wildsau ist.

Es gibt keine Objektivität im Fußball. Aber es gibt Respekt vor jedem Gegner.

Soll der VfB über dem Neckar Champions League spielen, so lange und so gut er kann. Diese Stadt hat einen erfolgreichen Club verdient, und ich werde auch Achtung haben vor dem VfB, wenn Messi den roten Vorstadt-Clan über den Haufen schießt.

Heute reiße ich die Schnauze weit auf für einen, der gerade mit 19 verlorenen Spielen in die vierte Liga abgestiegen ist. Ich verabschiede mich nach über 30 Jahren als Anhänger der Stuttgarter Kickers vom Berufssport. Mit der dritten Liga verlassen wir eine offizielle Bundesliga, eingleisig wie die erste. So Gott will, werde ich das letzte Spiel der Saison besuchen, und zweifellos werden auch die anderen ihren Stehplatz einnehmen: George der Grieche, Kotlett der Untote und Tschelle der Punk-Musikant, der neulich diese SMS verbreitet hat: "Ich lasse mir meinen Samstagnachmittag nicht versauen, bloß weil die nicht Fußball spielen können." Darum geht es. Wir gehen weiter auf die Waldau. Dieser Fußballplatz im Wald hat uns nichts getan. Dieser Fußballplatz unterm Himmel hat Stil und Klasse.

Der Verein war es, der uns betrogen und verraten hat. Wer aber ist der Verein? Die selbstgerechten Luschen im Vorstand? Die Stockfehlerenten auf dem Platz? Die sind nicht der Verein. Der Verein ist ein Mythos, ein abstraktes Gebilde.

Die Seele des Vereins wandert über die Waldau, sie schwebt über das Olympiastadion, sie packt uns bei der Ehre. Mit den dunkelblauen Club-Blazer-Pfauen hat das nichts zu tun. Mit denen identifizieren wir uns nicht.

Wir hatten in dieser Saison nur wenige, denen wir mit Respekt begegnen konnten.

Dem Torhüter Salz haben wir vertraut, weil er uns im Untergang etwas Ruhe auf der Titanic gönnte, und dem Mittelfeldspieler Gambo haben wir applaudiert, weil er als kleinster Mann auf dem Platz jedes Kopfballduell gewann.

Es wäre kein Problem, die Fehler der Vergangenheit aufzuzählen: das Versäumnis des Patriarchen, rechtzeitig vor seinem Tod einen geeigneten Nachfolger zu suchen, die Unfähigkeit der Amtierenden, die Entertainment-Regeln des Fußballs wenigstens in der dritten Liga zu begreifen. Sie jammern, weil sie kein Geld haben. Wieso aber sollte man ihnen welches geben, wenn sie sowieso nichts damit anfangen könnten? Die Stuttgarter Kickers haben es jahrzehntelang nicht verstanden, eine Nischen-Existenz auf der Waldau aufzubauen. Sie haben nicht erkannt, dass der Kickersplatz unterm Fernsehturm die Fußball-Alternative ihrer Stadt sein müsste.

Eine Kammerspielbühne mit erotischem Publikumskontakt und intimem Einblick in die Kompliziertheit des Spiels.

Jetzt sind wir in der vierten Liga: in der Mitleidsklasse, in der Freizeit-Branche, in der Fußball-Brache. In meiner Gedenkminute vor dem Berliner Olympiastadion gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Ich habe sie unterwegs in meinen kleinen Computer getippt, und damit ist es gut. Ich hoffe, dass der Zug nicht wieder kurz vor dem Ziel stehen bleibt, damit ich rechtzeitig zurück bin zum Abschied von einer erbärmlichen Saison.

Ich verkneife mir jeden Witz über die S-Bahn-Liga, die wir in der nächsten Saison bespielen werden. Die Luft auf der Waldau wird uns weiterhin guttun, das Lachen kann uns nicht vergehen, weil es im Fußball nichts zu lachen gibt, und wir lassen uns unseren Samstag nicht vermiesen. Wir verteidigen die Stehplatz-Würde und grüßen in Demut alle anderen vor Schmerz gekrümmten Gurken dieser Welt.
 

Joe Bauer

22.05.2009 - aktualisiert: 17.08.2009 11:26 Uhr

 



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