Über Gestern und Heute wissen wir Bescheid, aber was bringen Morgen und Übermorgen? Keiner weiß es. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: "Vorhersagen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen." Zukunfts- und Trendforscher versuchen daher, Möglichkeiten auszuloten. Anders als Propheten, Seher und Wahrsager beziehen sie sich nicht aufs Übersinnliche. Sie analysieren Vergangenheit und Gegenwart - und entwerfen Szenarien, wie die Welt in zehn, 20 oder 30 Jahren aussehen könnte. "60 Jahre vorauszuschauen ist allerdings gewagt", sagt Karlheinz Steinmüller. Der Physiker und Philosoph ist wissenschaftlicher Direktor von Z_punkt - The Forsight Company. Im Auftrag von Unternehmen schätzt er ab, welcher Wandel unserer Gesellschaft bevorsteht. Heute tut er dies für unsere Zeitung.
Die Staatsform: 2069 stünden 120 Jahre Bundesrepublik an. Wird man das Jubiläum feiern? Steinmüller kann sich vorstellen, dass die wichtigen Entscheidungen dann auf europäischer Ebene getroffen werden. Man müsse sich vor Augen halten, was in den vergangenen 60 Jahren alles passiert ist: Kalter Krieg, 68er-Bewegung, Mauerfall. "Angesichts dieser Umwälzungen ist es wahrscheinlich, dass sich erneut Grundsätzliches ändert. Man kann spekulieren, dass es die Bundesrepublik in der Form, wie wir sie heute kennen, nicht mehr gibt." Dass Regionalität ganz verschwindet, glaubt der Forscher nicht. "Sie verliert aber an Bedeutung, wenn Menschen mobiler werden." Bereits heute zieht man im Schnitt alle sieben Jahre um. "Das wird sich verstärken." Positiv ausgedrückt, sieht Steinmüller die Bundesbürger 2069 als "wirkliche Weltbürger, die aber aufpassen, dass Deutschland seine Vorteile wie das gut funktionierende Sozialsystem aufrecht erhält".
Die Bevölkerungsentwicklung: In Deutschland werden immer weniger Kinder geboren. Sterben wir aus? "Unsinn", sagt Steinmüller, "Wir jammern zwar, stehen im Weltvergleich aber gar nicht so schlimm da." Die Bevölkerung wird schrumpfen. "Ich rechne mit 10 bis 20 Prozent." Andere Staaten, etwa in Osteuropa, seien aber stärker betroffen. Und wie steht es um das Altern? Werden in 60 Jahren fast alle im Heim hocken und darauf hoffen, dass es noch jemanden gibt, der sie pflegt? "Nein. Der demografische Wandel ist ein Problem, aber keiner der Zukunftsforscher geht davon aus, dass darunter alles zusammenbricht."
Das Arbeitsleben: Die Alterung der Gesellschaft sieht Steinmüller als Chance: "Die Grenze zwischen Erwerbsleben und Seniorendasein wird durchlässiger." Sprich: Man kann Rente beziehen und nebenher arbeiten - ohne Abzüge. Überhaupt wird der Übergang zwischen Arbeit und Freizeit bis 2069 fließend: "Arbeitszeiten sind flexibel, auch das Zuhause wird verstärkt als Arbeitsplatz genutzt." Längere Erwerbstätigkeit führe dazu, dass man geistig und körperlich rege bleibt. Auch die Unternehmen haben umgedacht. "Das Klischee, dass die Leistungsfähigkeit mit 50 abnimmt, ist aus den Köpfen. Man hat es den Chefs oft genug selbst vorhalten." Es gibt weiterhin manuelle Tätigkeiten: "Service im Haushalt oder im Gastgewerbe wird von Menschen geleistet, nicht von Robotern." Bei Facharbeitern und Akademikern herrscht bis 2069 aber Nachwuchsmangel, weshalb man sich von Mitarbeitern "nicht leichtfertig trennt".
Die Bildung: Dennoch ist das Bildungssystem besser denn je. "Man wird den Kopf darüber schütteln, wie wir am Anfang des Jahrtausends menschliche Ressourcen verschleudert haben", so Steinmüller. Bildung setzt früh ein, denn man hat erkannt, dass die ersten Lebensjahre entscheidend sind. Es wird viel Geld investiert, damit sich junge Menschen qualifizieren.
Die Technologie: Impulse für die Pädagogik verspricht sich Steinmüller auch durch die Hirnforschung: "Man wird Lernprozesse besser verstehen." Außerdem ist der Bereich Biotechnologie weit entwickelt, so dass es kaum noch Müll gibt - fast alles wird recycelt. Auch die erste Marsexpedition hat die Menschheit hinter sich. Dass dort Menschen unter gläsernen Kuppeln leben, ist laut Steinmüller aber "nicht in 60, sondern eher in 600 Jahren möglich".
Die Umwelt: Ins All auswandern müssen die Menschen ohnehin nicht. "Wenn wir uns angestrengt haben, ist es 2069 knapp unter zwei Grad wärmer als heute." Damit verändert sich zwar das Kilma, und Vegetationszonen wandern. Die Katastrophe jedoch bleibt aus. Die Landschaft hat sich dennoch verändert, auch deshalb, weil sich die Bevölkerung in Ballungsräumen konzentriert und es entsiedelte Gebiete gibt. Energie gewinnt man 2069 aus Sonne, Wind, Wasser - und Kohle. Erdöl gibt es nicht mehr. Autos werden durch Elektromotoren angetrieben. Und Mülldeponien aus früheren Zeiten werden als Rohstoffquellen genutzt.
Der Konsum: Da die Lebenserwartung kontinuierlich steigt, liegt sie nun bei 100 Jahren. Es gibt einen flächendeckenden Body-and-Soul-Markt: Fitness, Wellness, Kosmetik, Ernährung, Schönheitskorrekturen, Körperschmuck und Lebensberatung greifen ineinander. "Eventuell spaltet sich die Gesellschaft: in einen kurzlebigen Teil, der nicht auf sich achtet oder achten kann, weil das Geld fehlt - und in die, die in sich investieren."
Das Zwischenmenschliche: Da die Menschen älter werden, haben viele im Lauf ihres Lebens mehrere Partner. Klassische Familienstrukturen - Mutter, Vater, zwei Kinder - existieren kaum mehr. "Historisch gesehen war die Kleinfamilie ohnehin eine singuläre Erscheinung, die erst um 1800 entstand." Man ist zu mittelalterlichen Verhältnissen zurückgekehrt. "Damals trennte der Tod die Partner. Heute trennt man sich zumeist, weil man einander überdrüssig ist", fasst Steinmüller das auch in 60 Jahren anhaltende Lebensgefühl zusammen. Dennoch lebt man nicht in einer Gesellschaft mit völlig beliebigen Kontakten, der Mensch mag es schließlich einigermaßen stabil. "Statt kinderreicher Eltern gibt es nun elternreiche Kinder", sagt der Zukunftsforscher. Das Stichwort heißt Patchwork: Statt Mama und Papa kümmern sich nun der/die Ex und der/die Noch-nicht-Ex.
Die Freizeit: Wie die Kernfamilie ist die Freizeit historisch gesehen eine neue Entwicklung, die in den 1920er Jahren mit der Einführung des bezahlten Urlaubs erfunden wurde. 2069 gelten Arbeit und Freizeit laut Steinmüller nicht mehr als feindliche Bereiche. Er kann sich - "das ist uraltes marxistisches Gedankengut" - sogar vorstellen, dass die Bundesbürger dann über den Tag verteilt mehrere Berufe ausüben - vormittags eine körperliche Tätigkeit, mittags zum Ausgleich eine künstlerische, abends eine soziale. Na, dann: schöne neue Welt.