Waschbär 5002 (†) erhält 2006 im Müritz-Nationalpark eine Ohrmarkierung Foto: dpa
Oerel/Goldenbaum - Ein Waschbär aus Mecklenburg-Vorpommern kommt posthum zu Ehren. Nummer 5002 hat auf der Suche nach einer Sexualpartnerin 285 Kilometer Luftlinie zurückgelegt - das gilt als Waschbärenweltrekord. Die zuständigen Wissenschaftler erfuhren erst jetzt davon.
Wie lange die Odyssee von Waschbär 5002 währte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Im Dezember 2006 empfangen die Forscher des Projekts "Waschbär" im mecklenburg-vorpommerischen Dörfchen Goldenbaum das letzte Funksignal vom Ukw-Sender, den 5002 am Halsband trägt. Der junge Bursche ist auf der Suche nach einer Sexualpartnerin, er ist früh dran. Doch wer sich reproduzieren will, muss auch früh Abschied nehmen, um Inzucht zu vermeiden.
Die Fähen stehen, die Rüden gehen, so ist das Waschbärengesetz. Die Auswahl ist nicht unbeachtlich: Einige Tausend geschlechtsreife Weibchen, so Schätzungen, gibt es in dem östlichen Bundesland. Doch 5002 schlägt eine ungünstige Richtung ein. Er kommt zu stark nach Westen ab. Obwohl er vermutlich acht bis zehn Kilometer in der Nacht zurücklegt, sucht er wahrscheinlich vergebens. Über 800 Kilometer - exakt 285 Kilometer Luftlinie - hat 5002 demnach zurückgelegt, als er am 5. März 2007 in eine Tierfalle tappt. Nur Stunden darauf macht ihm ausgerechnet eine Jägerin den Garaus. Die Reise von 5002 endet in Oerel, einer kleinen Gemeinde im Norden Niedersachsens, mit einem Kopfschuss.
Obwohl sich das Jungtier durch seine Ohrmarke identifizieren lässt, sagt die Jägerin der Heimatstation nicht Bescheid. Durch Mundpropaganda macht der Tod des Waschbären die Runde, denn in Niedersachsen sind Waschbären extrem selten. Als die Kunde das Forschungsprojekt im Müritz-Nationalpark erreicht, hält sich die Trauer in Grenzen. Rekord ist Rekord, auch bei einem toten Tier. "Das ist die längste Abwanderungsstrecke, die je für diese Art nachgewiesen werden konnte", freut sich Projektleiterin Annika Köhnemann. "Dass die Waschbären irgendwann erlegt werden, gehört dazu."
Dabei ist die Geschichte von 5002 ohnehin dramatisch. Seine mutmaßlichen Vorfahren wurden wegen des dichten Winterpelzes in den 30er Jahren nach Deutschland eingeführt. Etwa zwei Dutzend von ihnen brachen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach einem Bombentreffer auf ihr Gehege im brandenburgischen Wolfshagen aus. Auch sie machten sich auf Wanderschaft. Wie heute die Rüden, die vom Müritz-Nationalpark triebhaft in alle Himmelsrichtungen losmarschieren: über Äcker, durch Wälder, über Straßen und Felder. Ein Dutzend von ihnen haben die Forscher bisher markiert. Zwischen 8 und 95 Kilometer Luftlinie legten sie dabei zurück. Den bisherigen Rekord stellte Waschbär Nummer 3005 auf - dann wurde er von einem Auto erfasst.
Wer weiß, wie weit 3005 noch gekommen wäre. Und wie weit 5002. Ob er noch eine Sexualpartnerin gefunden hätte? Die Waschbärenwissenschaft, so Köhnemann, stehe noch am Anfang. Die eigene Feldforschung endet im Sommer dieses Jahres. Ein Jahr lang werde man danach noch für die Auswertung der Daten brauchen.
Doch bereits jetzt steht fest: Waschbär 5002 wird nach seiner Rekordwanderung als tragischer Held in die Tiergeschichte eingehen. Er hat Sex in einer Gegend gesucht, in der es dazu kaum Gelegenheiten gab. "Leider hat er die falsche Richtung eingeschlagen", sagt Köhnemann. "Er hat wirklich Pech gehabt."