Von Baden-Württemberg nach Moskau sind es 4000 Kilometer. Aber die Distanz wird durch wirtschaftliche Kontakte zunehmend kleiner. Eindrücke von einer Reise mit Ministerpräsident Günther Oettinger in die russische Hauptstadt.
Ein kurzer, aber heftiger Hupton. Es ist Zeit zur Abfahrt. Der kleine Zug verschwindet in der Moskauer Unterwelt. Je länger die Reise dauert, desto stickiger wird die Luft. Nach gut 500 Metern ist Endstation. Vorläufig. Hier unten entsteht in 30 Metern Tiefe eine neue U-Bahn-Teilstrecke in der Millionenmetropole. "In den letzten fünf Jahren ist in Moskau unheimlich viel gebaut worden. Aber das reicht noch lange nicht aus, um den Verkehr zu bewältigen und die Staus zu vermeiden", sagt Martin Herrenknecht. Der Chef des gleichnamigen Tunnelbauers aus Schwanau in Südbaden darf sich also freuen: So schnell gehen selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Geschäfte in Russland nicht aus.
Herrenknecht ist einer von rund 800 baden-württembergischen Unternehmern, die in Russland seit Jahren aktiv sind. Und das mit großem Erfolg. Das Rezept ist bei den meisten identisch: Baden-Württemberg bringt die Hardware, sprich die Maschinen. Die Russen stellen die Software, sprich gut ausgebildete Ingenieure und zuverlässige Facharbeiter. Allein im vergangenen Jahr lag der Handelsumsatz der deutschen Wirtschaft in dem Riesenreich bei rund 68 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Landeshaushalt von Baden-Württemberg beträgt jährlich rund 42 Milliarden Euro.
Das Problem: Auch in Russland gerät der Konjunkturmotor in Zeiten der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ins Stottern. "In normalen Zeiten kann die Tunnelbohrmaschine gut 15 Meter am Tag schaffen, jetzt machen die nur vier bis fünf Meter", erzählt Herrenknecht, der weltweit 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Grund ist einfach: Die Stadt Moskau als Bauherr will keine Mitarbeiter entlassen. Also dauert der Bau eben etwas länger und kostet mehr Geld. Wirtschaftspolitik auf Russisch.
Dass die Erweiterung des U-Bahn-Netzes notwendig ist, daran gibt es keinen Zweifel. Mit seinen rund elf Millionen Einwohnern - genauso viele, wie ganz Baden-Württemberg hat - erstickt Moskau im Verkehr. Vom einen zum anderen Ende der Stadt sind es rund 60 Kilometer, allein der Autobahnring um die Metropole ist rund 100 Kilometer lang - und kann dennoch den Ansturm von vier Millionen Fahrzeugen nicht bewältigen. Keine Straße ohne kilometerlange Staus, die von unterbeschäftigten Polizisten oft noch verlängert werden, wenn diese willkürlich den Verkehr zum Stillstand bringen.
Staatsgäste wie Ministerpräsident Günther Oettinger können sich da glücklich schätzen. Wer Investoren mitbringt und wirtschaftliche Kontakte ausbaut, der bekommt auf den neunspurigen Straßen die freie Mittelspur samt Blaulichteskorte. Denn Moskau ist in Russland der Nabel des Handels und des Handelns. 80 Prozent der Wirtschaftskraft sind hier zu Hause.
Oettinger und seine 230-köpfige Delegation wollen dieses Potenzial erschließen. Und so rühmt der Regierungschef aus Stuttgart während seines viertägigen Besuchs die guten Beziehungen zu Russland wo immer es geht, ob bei Begrüßungen oder Tischreden. "Baden-Württemberg und Moskau ergänzen sich sehr gut", sagt er dem Bürgermeister.
Nahezu im Stundentakt trifft Oettinger Gouverneure und Minister der Russischen Föderation. Mal geht es um Handelsbeziehungen, mal um Energiefragen. Der dafür zuständige Minister Sergej Schmatko rollt dem Gast den roten Teppich aus. Unternehmen aus Baden-Württemberg seien willkommen, würden von jeglicher Bürokratielast befreit und erhielten obendrein noch Grundstücke gratis. Noch im Herbst sollen sich Energieexperten aus beiden Ländern, darunter Wissenschaftler aus Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe, in Stuttgart mit russischen Gesprächspartnern treffen. Im Frühjahr 2010 ist dann ein Kongress für Firmen aus dem Südwesten geplant, die in Russland investieren wollen. "Deutschland ist unser wichtigster und willkommenster Handelspartner", sagt Schmatko und klopft Oettinger zum Abschied freundschaftlich auf die Schulter.
So etwas schafft Vertrauen - und Zuversicht. Oettinger bietet russischen Schulabsolventen an, "auf Zeit in Baden-Württemberg zu studieren". Er lässt durch seinen Wissenschafts-Staatssekretär Dietrich Birk neue Projekte im Bereich der Hochschulen und Fachhochschulen besiegeln. Und er versucht, mit dem Rückenwind der politischen Gespräche den mitgereisten Unternehmer die Türen zu öffnen. "So viel Baden-Württemberg war noch nie hier vor Ort", ermutigt er die Firmenchefs in ihren dunklen Anzügen, den Unternehmermut angesichts der Flaute jetzt nicht im Wodka zu ertränken, sondern durchzustarten: "Wenn Sie jetzt in der Krise investieren, sind Sie nach der Krise der Stärkere. Moskau sieht in uns den idealen Partner." Und wirklich: Da wirkt das so groß angekündigte baden-württembergische Wirtschaftsforum im Haus der Moskauer Regierung zwar wie eine verkümmerte Regionalmesse, weil sich nur eine Handvoll Aussteller dort tummelt. Aber die Unternehmer suchen den Kontakt - bei Firmenbesuchen, bei Kooperationsbörsen, in persönlichen Gesprächen.
Christoph Wellendorff aus der Schmuckstadt Pforzheim ist so ein Beispiel. In den großen Metropolen dieser Welt wie London, Zürich und Wien ist der Schmuckfabrikant schon präsent, seit drei Jahren macht er Geschäfte auch in Moskau. "Es läuft gut", sagt er. Was so viel heißt wie: Es kann durchaus noch besser werden. Also bietet er seine Produkte in einem Land an, in dem es zwar sehr viele arme, aber auch viele reiche Menschen gibt. Seine Maxime heißt: "Baden-Württemberg steht nicht nur für das Automobil und Ingenieurleistungen."
So gleichen die Baden-Württemberg-Tage wenige Tage nach dem Eurovision Song Contest in Moskau einem Schaulaufen mit Punktewertung. Die russischen Partner jedenfalls nehmen nicht nur reell eine "Tüte voller Ideen" (gefüllt mit Prospekten und Info-Material) in ihre Firmen mit, sondern auch visuell manche Projekte. Die Universität Karlsruhe zeigt Wege, wie man Gesundheitseinrichtungen nach modernsten wissenschaftlichen Methoden aufbauen kann. Bernd Dallmann, Messe- und Tourismus-Geschäftsführer aus Freiburg, preist die Idee seiner "grünen Stadt" als Modell für Moskau an: "Nachhaltigkeit ist doch nicht nur politisch, sondern auch im Tourismus ein wichtiges Thema."
Auch bei der Metallbearbeitungsmesse Metalloobrabotka sucht mancher Maschinenbaubetrieb aus dem Südwesten nach neuen Geschäftskontakten. "Der russische Markt hat großen Bedarf an unseren Maschinen", sagt Verbandsgeschäftsführer Ulrich Hermani, "es klemmt in Russland momentan nur an der Finanzierung." Doch die Zeichen der Entspannung mehren sich. Vor einigen Monaten betrug der Zinssatz 26 Prozent, jetzt ist er auf 15 Prozent gefallen. "Es tritt eine Normalisierung ein", glaubt Hermani.
Noch aber ist nicht alles Gold, was da vom Kremldach und den vielen Kirchentürmen ins Land herab glänzt. Bester Beleg: Die Arbeiten an Moskau-City - sozusagen das Projekt Stuttgart 21 der Russen, nur einige Nummern größer, mit dem Bau eines neuen Stadtteils, mit Hochhäusern, die vier Millionen Quadratmeter Büroflächen bieten, mit einem neuen Bahnhof und einem Aussichtsturm, von dessen Spitze man eines Tages in 330 Meter Höhe über die Stadt schauen soll - sind deutlich gebremst worden. Es mangelt an Geld.
Michael Harms von der deutsch-russischen Außenhandelskammer will das nicht überbewerten. Ja, die Stimmung habe sich in den vergangenen Monaten zwar verschlechtert, räumt er ein. "Aber die Mehrheit der Unternehmen bleibt hier und investiert allein in diesem Jahr zwei Milliarden Euro." Ein Fall von Realitätsverlust? Nein, sagt Harms: "Russland ist ein strategisch wichtiger Markt mit gigantischen Investitionen in der Infrastruktur."
Spätestens in diesem Moment fühlt sich Oettinger mit seiner Reise bestätigt. Er schüttelt viele Hände, lässt edlen Grauburgunder aus der Ortenau und Rotwein vom Stuttgarter Rotenberg ausschenken, hat eigens eine Köche-Equipe vom renommierten Hotel "Traube Tonbach" mitgenommen, auf dass es den Russen an nichts mangelt. Heute wird der Ministerpräsident das "German Centre" eröffnen - Basis für über 100 mittelständische Firmen, die hier Büros anmieten, Besprechungsräume nutzen, Veranstaltungen organisieren können. "Das wird ein Leuchtturm für Baden-Württemberg", sagt der Regierungschef.
Landeskenner wie der Dolmetscher Jan Klinghammer vermuten, dass in Russland noch ein Investitionspotenzial "für mindestens 200 Jahre" steckt. In Zukunft werden neben den klassischen Rohstoffen wie Öl und Gas vor allem Themen wie Soziales, Bildung und Infrastruktur an Bedeutung gewinnen. Positiver Nebeneffekt dieser Entwicklung: Zwar gehört die Korruption noch immer zum Alltag der Firmengeschäfte, die Trinkfestigkeit ist aber offenbar nicht mehr die Voraussetzung für erfolgreiche Vertragsabschlüsse.
Tunnelbauer Herrenknecht erinnert sich, wie das noch vor einigen Jahren war. "Da haben sie den Wodka noch in Wassergläsern serviert." Wer nach den vielen Trinksprüchen und ebenso vielen großen Gläsern noch halbwegs bei Sinnen war, bekam den Zuschlag. Inzwischen ist auch hier Normalität eingekehrt.
Herrenknecht hat vor wenigen Monaten den Silberwaldtunnel in Moskau gebaut. In der oberen Etage verläuft die Straße, eine Etage tiefer rast die U-Bahn. Auftragsvolumen: 25 Millionen Euro. Jetzt, da die Konjunktur lahmt, zieht es ihn für einige Zeit weiter gen Osten. In Sotschi wird er an den Straßen der Winter-Olympiastadt mitbauen, zwischendurch wird er auf der Moskauer U-Bahn-Baustelle vorbeischauen. "In Russland kann man derzeit kurzfristig keine Geschäfte machen. Aber in zwei bis drei Jahren wird es wieder losgehen."