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Rätsel um Rosa Luxemburg

Grab ohne Leiche

Ist das Grab von Rosa Luxemburg leer?
Foto: dpa

Berlin - Es ist eine unglaubliche, abenteuerliche Vermutung: Ein renommierter Berliner Wissenschaftler glaubt, die Leiche der ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg gefunden zu haben.

Die Lage: Der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos, entdeckt 2007 in einer alten anatomischen Sammlung seines Instituts eine viele Jahrzehnte alte Wasserleiche. Die Neugier des Mediziners ist geweckt, denn der Leiche fehlten Kopf, Hände und Füße. Tsokos recherchiert, befragt Historiker, wühlt sich durch alte Akten - und vermutet nun, dass es sich bei der Leiche um Luxemburgs Körper handelt. Die Tote weise "verblüffende Ähnlichkeiten mit der realen Rosa Luxemburg" auf, sagt Tsokos.

"Wenn diese Informationen bestätigt werden, handelte es sich um ein zusätzliches verruchtes und verbrecherisches Vorgehen von Reichswehr, Gerichtsmedizin, Staatsanwaltschaft unter Verantwortung des sozialdemokratischen Reichswehrministers Noske", gibt das Linkspartei-Trio Oskar Lafontaine, Lothar Bisky und Gregor Gysi am Freitag zu Protokoll: "Wir verlangen eine vollständige Aufklärung unter Verantwortung des Bundespräsidenten und der Bundesregierung. Die gesamte Bevölkerung hat darauf Anspruch, da die 1919 mit Karl Liebknecht ermordete Rosa Luxemburg eine herausragende Persönlichkeit der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung war. Nach der Klärung des Sachverhalts wird gegebenenfalls die Frage ihrer würdigen Beerdigung in ihrer bisherigen Grabstelle zu klären und zu entscheiden sein."

Doch noch ist nichts endgültig bewiesen, auch wenn Tsokos zahlreiche Indizien gesammelt hat: "Wir haben die Leiche in einem Computertomographen untersucht und festgesellt, dass es sich bei der Leiche um den Körper einer 40- bis 50-jährigen Frau handelt", sagt der Mediziner. Außerdem habe der Leichnam einen Hüftschaden und unterschiedlich lange Beine. Das könnte passen, immerhin war Luxemburg, die am 5. März 1871 als Rozalia Luksenburg im polnischen Zamocz geboren wurde, 47 Jahre alt, als sie ermordet wurde - und sie litt an einem Hüftschaden und unterschiedlich langen Beinen. Zahlreiche Zeitzeugen bestätigen, dass Luxemburg wegen einer angeborenen Hüftverrenkung seit früher Kindheit gehinkt hatte.

Warum der Kopf der Leiche fehlt, ist Tsokos zwar noch ein Rätsel. Die fehlenden Hände und Füße dagegen könnten ein weiterer Hinweis darauf sein, dass es sich um Luxemburgs Körper handelt. "Sie wurde nach ihrem Tod in den Landwehrkanal geworfen", berichtet Tsokos. Dabei seien ihr mit Metallschlingen Gewichte an die Hände und Füße gehängt worden. "Treibt eine Leiche wochenlang im Wasser, kann es passieren, dass sich die Hände und Füße mit der Zeit ablösen." Das ist aber noch nicht alles. Tsokos ist sich außerdem zu "100 Prozent sicher", dass es sich bei dem Körper, der 1919 als Luxemburgs Leichnam auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde beerdigt wurde, nicht um die einstige Arbeiterführerin handelt - was umso pikanter ist, weil alljährlich zu ihrem Todestag am 15. Januar immer noch Zehntausende wie zu DDR-Zeiten zum Grab pilgern - allen voran Spitzenvertreter der Linkspartei.

"Ich habe mir das historische Obduktionsprotokoll herausgesucht", sagt Tskos. Vorn in der Akte stehe zwar "Sektionsprotokoll der Rosa Luxemburg". "Doch in dem Bericht wird klar, dass es nicht die Leiche von Rosa Luxemburg war." Schließlich fanden Tsokos' Vorgänger weder einen Kopfschuss noch Spuren für Gewehrkolbenschläge auf den Schädel der Toten. Dabei soll Luxemburg - Mitbegründerin der Kommunsistischen Partei Deutschlands (KPD) jedoch am 15. Januar 1919 in Berlin von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division niedergeschlagen und dann durch einen Kopfschuss getötet worden sein.

Zudem notierten die Rechtsmediziner in ihrem Obduktionsprotokoll, dass die Leiche keinen Hüftschaden und auch keine unterschiedlich langen Beine hatte. Hinzu kommt, dass Tsokos bei seinen Recherchen von Historikern erfahren haben will, die SED habe Ende der 40er Jahre Luxemburgs Leichnam exhumieren wollen - im Grab aber gar keine Leiche gefunden.

Doch noch sind Tsokos' Vermutungen nicht bestätigt. Zuerst braucht er einen wissenschaftlichen Beweis. Dafür hat er zwar schon Luxemburgs Briefe auf DNA-Spuren an den Briefmarken untersucht. Aber oghne Erfolg: "Es gab aber leider keinen Speichel." Deswegen setzt der Rechtsmediziner nun auf die Hilfe der Öffentlichkeit: "Wenn ich eine DNA-Probe von Rosa Luxemburg bekäme, könnte ich sie mit der DNA des Leichnams abgleichen." Dann könnte er den Fall der mysteriösen Wasserleiche endlich abschließen - und eindeutig sagen, ob es sich dabei um Luxemburgs Körper handelt oder nicht.
 

Von Aliki Nassoufis und Wolfgang Molitor

29.05.2009 - aktualisiert: 29.05.2009 19:36 Uhr

 



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